Gegen den Zeitgeist

Die Musikkritik sieht sich heute selbstverständlich denselben Problemen gegenüber wie die von ihr besprochene Musik selbst, denn in einer formatierten Welt des like und dislike hat es der Wunsch nach Differenzierung schwer. Die Verschiebung jedweden Urteils einer unbegrenzten Anzahl von Richtern in die öffentlichen Medien hat eben nicht nur Vorteile; ein Nachteil wäre – um mit Karl Kraus zu sprechen –, dass «jeder Ladenschwengel die Muse befingern darf», und das geht einher mit einem eindeutigen Verlust an Genauigkeit, auch einem Überfluss an Übergriffigkeit.

Man könnte brutal im Stil der 1930er-Jahre sagen: Wer Kunstwerke nach dem Äußeren beurteilt, beurteilt auch Menschen nach dem Äußeren.

Selbstverständlich kann man feststellen, dass die rein äußerliche Betrachtung eines Kunstwerks immer bestanden hat, manchmal folgt sie Volkes Stimme und der Grad zum Populismus ist hauchdünn, manchmal raunen geheimbündlerische Syntagmen aus den Schriftsätzen und das Glasperlenspiel ist nicht fern. Aber das Größenverhältnis von fundierter Kritik und rein äußerlicher Negation oder Affirmation hat sich im Lauf der Jahre immer weiter verschlechtert. Ein weiteres Indiz wäre, dass noch vor wenigen ...

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Opernwelt Jahrbuch 2020
Rubrik: Wozu Musikkritik?, Seite 110
von Detlev Glanert

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