Die Lust, frei zu sein
Das macht ihr keine nach. Zum vierten Mal nach 2004, 2010 und 2015 ist Marlis Petersen zur «Sängerin des Jahres» gekürt worden, diesmal für ihre unter die Haut gehenden Lesarten von Korngolds Marietta (und Marie) in München sowie für ihre Salome am Theater an der Wien. In beiden Fällen hat die Sopranistin Rollenporträts geschaffen, die durch ihre Vielschichtigkeit, aber mehr noch durch ihre gleichsam existenzielle Wucht betören, kurz: durch eine Authentizität, die den Zuschauer beinahe vergessen lässt, dass es sich hier um künstliche Bühnenfiguren handelt.
Jenes Höchstmaß an emotionaler Überwältigung, das Marlis Petersen zu erzeugen vermag, zeichnet auch den Countertenor von Jakub Józef Orliński aus. Außergewöhnlich erhaben und schön auf der einen Seite, zugleich von innen glühend ist diese Stimme, das Ergebnis eine Eindringlichkeit des Ausdrucks, der man sich nicht entziehen kann und die zu der Vermutung führt, es handle sich hierbei womöglich um einen Verwandten des Luftgottes Ailos. Zu erleben war dies vor allem in Händels «Tolomeo» in Karlsruhe, wo der «Sänger des Jahres» die Titelpartie mit höchster Intensität gestaltete, und Oper wieder einmal als das erschien, was sie ...
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Opernwelt Jahrbuch 2020
Rubrik: Sängerin und Sänger des Jahres, Seite 10
von Jürgen Otten
Meine frühesten Opernerfahrungen datieren in die 1960er-Jahre zurück. Sie bestanden aus stundenlangem Anstehen um Karten, aus dem Erlebnis einer Vorstellung, bei der für die 14-, 16- oder auch 20-Jährige alles aufregend neu war – das Werk, die Aufführung, die Sänger, das ganze Drumherum –, und aus dem Blick in die Zeitung zwei Tage später, um zu erfahren, was der...
Sie kennen den Betrieb beide wie ihre eigene Westentasche. Hier Aviel Cahn, der während seiner Zeit als Intendant die Opera Vlaanderen in Antwerpen und Gent (2009–2019) mit mutiger Stückauswahl und ambitionierten Regiehandschriften international wettbewerbstauglich gemacht hat und dieses Prinzip seit Beginn der Spielzeit 2019/20 auch am (frisch renovierten) Grand...
Eine reiche Opernliteratur wünschten sich die offiziellen Taktgeber der DDR-Kulturpolitik nach 1949. Nur musste diese sich sowohl ästhetisch als auch politisch den marxistisch-materialistischen Vorgaben des Landes anpassen, sprich: dem Idealtypus eines sozialistisch-realistischen Musiktheaters entsprechen. Aus diesem latenten Widerspruch generierten die Komponisten...
