Widerpart und Katalysator
In meiner Laufbahn als Dramaturg, Operndirektor und Intendant habe ich die ganze Spannweite möglicher Reaktionen auf Kritiken durchlebt: Manchmal war ich wütend und enttäuscht, wenn eine Regie, ein Dirigat oder eine sängerische Leistung meiner Ansicht nach ungerecht behandelt und mit einer oberflächlichen, wenn nicht gar kränkenden Bemerkung abgefertigt wurde. Manchmal war ich einfach verblüfft, was alles in einer Produktion deutend entdeckt wurde. Manchmal war ich aber auch zufrieden oder sogar beglückt, wenn ich merkte, dass die Botschaft eines Abends offenbar angekommen war.
Abgehärtet hat mich dieses jahrzehntelange Leben mit Kritik bislang nicht, auch, weil es jedes Mal wieder um die Arbeit von Menschen geht, an deren künstlerische Kraft ich glaube und denen ich als Intendant optimale Bedingungen zur Entfaltung ihrer Kreativität zu bieten versuche.
Kontinuierlich gewachsen ist jedoch meine Freude über Kritiken, die Aufführungen nicht bloß als Anlass mehr oder weniger origineller Pointen nutzen, sondern die das Angebot einer gedanklichen, emotionalen und sinnlichen Auseinandersetzung, das jeder Opernabend darstellt, ernst nehmen. Denn hier steht wortwörtlich etwas auf dem ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Jahrbuch 2020
Rubrik: Wozu Musikkritik?, Seite 114
von Dietmar Schwarz
Nichts ist ungeheurer als der Drache – allerdings nur so lange, wie er wütet zwischen den Menschen. Jenes Monstrum jedoch, das Paul Dessau in seiner Oper «Lanzelot» auf ein mal düster-dräuendes, mal sarkastisch schmatzendes Libretto von Heiner Müller besang (dem wiederum die wunderbar traurige Parabel «Der Drache» von Jewgeni Schwarz zugrunde lag), schlief nach...
Die Frage führt ins Innerste unser Wahrnehmung von Kunst und Leben: «Welche Rolle spielt Musik für die Menschen und deren Weltbeziehung?» Martin Pfleiderer und Hartmut Rosa stellen sie an den Beginn ihrer erhellenden, in der Juli-Ausgabe der Zeitschrift «Musik und Ästhetik» erschienenen Betrachtungen über «Musik als Resonanzsphäre». Bereits in den einleitenden...
Als das Ensemble Modern 2018 in Donaueschingen mein «Ballett für Eleven» uraufführte, eine szenische intermediale Komposition für großes Ensemble, Fixed Media, Live-Mapping und Live-Elektronik, begann das Stück damit, dass im Raum verteilte Ensemblemitglieder mit zugeklebten Mündern und Augen und einem Saalplan in der Hand Kontakt mit dem Publikum aufnehmen...
