Widerpart und Katalysator

Opernwelt - Logo

In meiner Laufbahn als Dramaturg, Operndirektor und Intendant habe ich die ganze Spannweite möglicher Reaktionen auf Kritiken durchlebt: Manchmal war ich wütend und enttäuscht, wenn eine Regie, ein Dirigat oder eine sängerische Leistung meiner Ansicht nach ungerecht behandelt und mit einer oberflächlichen, wenn nicht gar kränkenden Bemerkung abgefertigt wurde. Manchmal war ich einfach verblüfft, was alles in einer Produktion deutend entdeckt wurde. Manchmal war ich aber auch zufrieden oder sogar beglückt, wenn ich merkte, dass die Botschaft eines Abends offenbar angekommen war.

Abgehärtet hat mich dieses jahrzehntelange Leben mit Kritik bislang nicht, auch, weil es jedes Mal wieder um die Arbeit von Menschen geht, an deren künstlerische Kraft ich glaube und denen ich als Intendant optimale Bedingungen zur Entfaltung ihrer Kreativität zu bieten versuche.

Kontinuierlich gewachsen ist jedoch meine Freude über Kritiken, die Aufführungen nicht bloß als Anlass mehr oder weniger origineller Pointen nutzen, sondern die das Angebot einer gedanklichen, emotionalen und sinnlichen Auseinandersetzung, das jeder Opernabend darstellt, ernst nehmen. Denn hier steht wortwörtlich etwas auf dem ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Jahrbuch 2020
Rubrik: Wozu Musikkritik?, Seite 114
von Dietmar Schwarz

Weitere Beiträge
Harmonie der Gegensätze

Es war der Morgen nach einer Premiere beim Festival in Aix-en-Provence im Jahr 2017, als ein Radiosender Jakub Józef Orliński um eine kurze Einspielung bat. Nein, sagte man ihm, er werde nicht zu sehen, nur zu hören sein, während er «Vedrò con mio diletto» aus Antonio Vivaldis «Il Giustino» singe. Also zog der Countertenor an, was man in einem südfranzösischen...

Kritik tut not

Meine frühesten Opernerfahrungen datieren in die 1960er-Jahre zurück. Sie bestanden aus stundenlangem Anstehen um Karten, aus dem Erlebnis einer Vorstellung, bei der für die 14-, 16- oder auch 20-Jährige alles aufregend neu war – das Werk, die Aufführung, die Sänger, das ganze Drumherum –, und aus dem Blick in die Zeitung zwei Tage später, um zu erfahren, was der...

«... die oper erwirbt mir die Märtirerkrone»

Kein anderes Werk des Standardrepertoires weckt so viel geballtes Unbehagen wie Beethovens einzige Oper «Fidelio». Gibt man nicht gleich dem Komponisten selbst die Schuld, indem man dem Theaterfremden die Begabung zum Opernschreiben rundweg abspricht, so mindestens den beteiligten Librettisten, denen es selbst in drei Anläufen nicht gelungen sei, ein dramatisch...