Ein einziges Als-ob
Was könnte für das Moskauer Publikum, das seit drei Jahren gezwungen ist, seine Emotionen in der Öffentlichkeit zu unterdrücken, besser sein als eine veristische Oper mit einem inbrünstigen Dichter im Mittelpunkt?
Auf der Bühne erscheint jedenfalls ein Andrea Chénier mit Leidenschaft und Nachdruck – Najmiddin Mavlyanov übertrifft sich in der Titelrolle von Giordanos Musikdrama selbst. Seine an Farben reiche, kraftvolle Stimme beherrscht eine Aufführung, die weder durch szenische Innovationen noch durch dirigentische Weisheit beeindruckt.
Mavlyanov präsentiert uns den Titelhelden als gleichermaßen feurig und leidenschaftlich, erhaben und leidend, dem Tod zugewandt wie in Wahnsinn verfallend. Insbesondere die hohen Töne haben eine ungeheure Strahlkraft. Es scheint, als befände sich dieser Sänger auf dem Zenit seiner vokalen Möglichkeiten. Aber auch schauspielerisch ist seine Darbietung außergewöhnlich.
Mavlyanov trifft an diesem Abend auf würdige Partner: Evgeny Kachurovsky verleiht seinem Roucher jene elegante Noblesse, die sofort für sich einnimmt und die Figur bemerkenswert scharf konturiert. Auch Gabriel De-Rél mit seinem kraftvollen Bass und düsterer Geschäftigkeit (Mathieu) ...
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Opernwelt Mai 2025
Rubrik: Panorama, Seite 58
von Alexej Parin
Zwei Königinnen. Durch beider Adern fließt, wiewohl in unterschiedlicher Konsistenz, kobaltblaues Tudor-Blut, mithin der uneingeschränkte Wille zur Macht. Viel mehr als diese Neigung aber verbindet die Frauen nicht. Weder der Glaube (sei es der an Gott, den Allmächtigen, ans Leben selbst oder an die Liebe) noch die Weltanschauung. Maria Stuart, Schottlands...
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Darüber, was Musik sein könnte, gingen die Meinungen schon immer auseinander. Mag sie ihrem Ursprung nach, als «mousiké», Musenkunst gewesen sein, differieren die Definitionen je nach Zeit, Perspektive und Autor. Für Schönberg bedeutete Musik eine Form mystischer Konsonanz mit dem Weltall, für den Experimentalpsychologen Steven Pinker ist sie kaum mehr als...
