Die kahle Königin
Zwei Königinnen. Durch beider Adern fließt, wiewohl in unterschiedlicher Konsistenz, kobaltblaues Tudor-Blut, mithin der uneingeschränkte Wille zur Macht. Viel mehr als diese Neigung aber verbindet die Frauen nicht. Weder der Glaube (sei es der an Gott, den Allmächtigen, ans Leben selbst oder an die Liebe) noch die Weltanschauung. Maria Stuart, Schottlands katholische Throninha -berin, und Elisabeth I., Englands protestantische Herrscherin (der jedoch, als Tochter Heinrich VIII.
und Anne Boleyns, der Makel anhaftet, ein «Bastard» zu sein), haben nur eine einzige Gemeinsamkeit: abgrundtiefe Verachtung füreinander. Da ist nur ein wesentlicher Punkt, der ihre Beziehung ins Ungleichgewicht bringt: Die eine ist die Gefangene der anderen. Seit 18 Jahren vegetiert Maria Stuart auf Schloss Fotheringhay in einem schäbig-dunklen Kerker, während ihre Kontrahentin im fernen Westminster Palace mit eiserneisiger Hand regiert. Glücklich ist darüber allerdings keine von ihnen. Maria Stuart, die Wild-Widerspenstige, dreimal Verwitwete, weil sie nichts mehr liebt als die Freiheit; Elisabeth I., die Kühl-Distanzierte, lebenslang Unvermählte, weil sie Angst vor der anderen hat, und weil sie nicht ...
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Opernwelt Mai 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 32
von Jürgen Otten
arte
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