Editorial 5/22

Am 11. März 2022 hatte Ernst Kreneks Oper «Jonny spielt auf» ihre Premiere am Münchner Gärtnerplatztheater. Intendant Köpplinger betrat die Bühne, verkündete Spenden und Solidarität mit der Ukraine. Starker, warmer Applaus. Dann begann die Vorstellung. Bevor Jonny so richtig loslegen darf, malen zwei Maskenbildnerinnen-Darstellerinnen ihn auf der Bühne in der Mitte seines Gesichts mit dunkler Theaterfarbe an.

Man wuselt ein wenig um Jonny-Darsteller Ludwig Mittelhammer herum, schüttelt den Kopf, gestikuliert: «Sollen wir das wirklich machen?» Regisseur Peter Lund entscheidet sich für ein «Ja!». Das Publikum nimmt keinen Anstoß daran. Ein Kritikerkollege wird später auf einem Social-Media-Portal sinngemäß fragen: «Warum muss man sich diesem woken Zeitgeist unterwerfen, wenn man das Blackfacing einbettet?» Ein anderer Kommentator pflichtet ihm bei: «Richtig! Man muss nicht vor jedem Shitstorm kapitulieren, der von Leuten losgelassen wird, die es nicht verstehen.» Comedy- und Buchautorin Jasmina Kuhnke – eine von Rassisten mehrfach bedrohte Person of Color – schreibt am 17. März auf Twitter, wo ihr rund 130.000 Userinnen und User folgen: «Im Münchner Gärtnerplatztheater ist 1922 statt ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2022
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Arno Lücker

Weitere Beiträge
DIE WELT SO SCHWER

Ach ja, das Leben. Schön ist es und schwer, doch nie ganz ohne Hoffnung, schließlich ist das Träumen bei allen Schicksalsschlägen, die man im Verlauf der (wie eine Windsbraut vorüberrauschenden) Jahre oder Jahrzehnte erleidet, immer erlaubt. Auf der Suche nach Beispielen für diese wehmütig-utopische Seins-Anschauung wird man in den beiden naturalistischen Romanen...

UNGESTILLTES VERLANGEN

Drei Opern, drei Antlitze des Todes: «Il tabarro» endet mit einem Mord, «Suor Angelica» im Suizid, «Gianni Schicchi» schließlich bekundet Leben und Tod als Zutaten ein und derselben Komödie. Für «Il tabarro» liefert Tobias Kratzer eine präzise Milieustudie der Pariser Seineschiffer. Darin verwoben die ebenso banale wie realistische Dreiecksgeschichte um Michele,...

ZAUBERINNEN IN NOT

Georg Friedrich Händels mehr als 40 Opern sind ein unerschöpfliches Reservoir für Recitals. Die barocke Da-capo-Arie war eine Schablone, aber in der Hand eines Ausnahmekönners wie Händel gebot sie über unbegrenzte Möglichkeiten, einen emotionalen Seelenzustand so unmittelbar in Musik auszudrücken, dass hinter dem Gesang ein Individuum, ein Gesicht sichtbar wurde...