Drastisches Kammerspiel
Katerina Ismailowa ist Täterin und Opfer zugleich, Mörderin wie Beute eines liebund mitleidlosen Systems vulgärkapitalistischer Machos. Das rüde Sein bestimmt das brutale Bewusstsein. Zur Revolutionärin aber taugt Katerina nicht. Pure Langeweile treibt sie an, sich über die Leiche des herrschsüchtig-geilen Schwiegervaters hinweg das Minimum an Zuwendung zu verschaffen. Weil sie die Männer ihrer Umgebung nur allzu gut kennt (und entsprechend wenig von ihnen erhofft), beschränkt sie ihre Bedürfnisse auf kaum mehr denn ausschweifende Sexualität.
Der virile Frauenheld Sergej kann immerhin diesen Wunsch erfüllen.
Dass mehr vom Leben zu fordern Traumtänzerei wäre, zeigt Joan Anton Rechi in Detmold bedrückend deutlich. Der Regisser nutzt die intime Atmosphäre des Hauses, um dem Publikum beinahe buchstäblich auf den Leib zu rücken. Schostakowitschs Oper gerät so zum gewaltgesättigten Kammerspiel: Es wird kopuliert und gemordet, was das Zeug hält. Kein Wunder, die tragische Titelheldin und ihr Liebhaber stehen unter enormem erotischen wie gesellschaftlichem Druck, und der sucht sich sein Ventil. Zwar drückt die Obrigkeit anfangs ein Auge zu; selbst der Pfarrer ist scharf auf die ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Mai 2023
Rubrik: Panorama, Seite 57
von Michael Kaminski
Braunschweig war einstmals eine musikalisch äußerst bedeutende Stadt. Ende des 17. Jahrhunderts hatte der kunstsinnige Herzog zu Braunschweig und Lüneburg Anton Ulrich (1633–1714) das Opernhaus am Hagenmarkt eröffnen lassen – und bald trieben sich illustre Persönlichkeiten wie der Hofdichter und Librettist Friedrich Christian Bressand (ca. 1670– 1699) sowie der vor...
Der Wahnsinn hat Methode bei Shakespeare, vor allem in höheren Kreisen. König Leontes, von seiner Eifersucht übermannt, mutiert zum tauben Tyrannen, Macbeth und seine Lady ertrinken im Blut ihrer Mordlust, Lear irrt, seines Reichs und aller Ideale beraubt, über die Heide, und selbst ein Rationalist wie Richard III. entkommt den Geistern nicht, die er rief. In all...
Brav haben wir es im («damals» noch real existierenden) Musikunterricht beziehungsweise danach während des Musikstudiums, auch in dieser der Aufführungshäufigkeitswirklichkeit abgeschauten Opernrealität gelernt: Die «Big Five» der italienischen Operngeschichte heißen Verdi, Puccini, Rossini, Bellini und (mit Bellini vielleicht auf einer quantitativen Ebene) jener...
