Die ungefähre Welt
Der Wahnsinn hat Methode bei Shakespeare, vor allem in höheren Kreisen. König Leontes, von seiner Eifersucht übermannt, mutiert zum tauben Tyrannen, Macbeth und seine Lady ertrinken im Blut ihrer Mordlust, Lear irrt, seines Reichs und aller Ideale beraubt, über die Heide, und selbst ein Rationalist wie Richard III. entkommt den Geistern nicht, die er rief. In all diesen Fällen wird die reale Welt durch den Wahn ersetzt.
Das psychotische Subjekt macht sich selbst zu einem reinen Geist, zum Alleinherrscher in einer solipsistischen und gläsernen Welt, er legt das in Schutt und Asche, was der französische Philosoph Maurice Merleau-Ponty pointiert als «das Fleisch der Welt» bezeichnete. Die vorgegebene Welt, zunichte gemacht, verwandelt sich in eine symbolische Ordnung, das leibliche Subjekt wird zur leib- und leblosen Spukgestalt, zum Gespenst eines toten Menschen und einer untergegangenen Welt.
Małgorzata Szczęśniak hat für all diese Verlorenen in der Bastille-Oper einen typischen, bühnenfüllenden Małgorzata-Szczęśniak-Raum gebaut – eine von schweren Eisengittern gesäumte Irrenanstalt mit Salon vorne, Gemeinschaftssaal hinten, Spaziermeile rechts. Die Einrichtung ist spärlich: ein ...
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Opernwelt Mai 2023
Rubrik: Im Fokus, Seite 14
von Jürgen Otten
Orpheus leidet mächtig. Der Styx besudelt ihn aus drei Eimern mit Wasser, Erde und Blut. Eurydike erweist sich als ebenso zickig wie begriffsstutzig, während Amor sein Vexierspiel treibt und das Liebespaar zurückpfeift, wenn ihm etwas nicht passt. Dieser schelmische Cupido bedient sich tatsächlich einer Trillerpfeife, mit der er auch gern die Musik zerschneidet....
Herr Dusapin, von Nikolai Rimski-Korsakow ist die schöne Sentenz überliefert, Kunst sei «im Grunde die bezauberndste und hinreißendste Lüge». D’accord?
Die Kunst eine Lüge? Eine interessante Ansicht. Für mich ist Kunst, insbesondere Musik, die überwiegende Zeit dazu da, etwas zu verbergen.
Aber was?
Sich selbst, in meinem Fall also den Komponisten. Wobei es für...
Der Staatsoper Berlin kann man regieseitig in Sachen Mozart für das vergangene Jahrzehnt nicht gerade ein brillantes Zeugnis ausstellen. Angefangen von einer der schwächsten Arbeiten des späten Hans Neuenfels («La finta giardiniera», 2012) – damals noch in der Ausweichspielstätte Schiller-Theater – zog sich das optische, bewegungsmäßige und konzeptuelle Unglück...
