Die ungefähre Welt
Der Wahnsinn hat Methode bei Shakespeare, vor allem in höheren Kreisen. König Leontes, von seiner Eifersucht übermannt, mutiert zum tauben Tyrannen, Macbeth und seine Lady ertrinken im Blut ihrer Mordlust, Lear irrt, seines Reichs und aller Ideale beraubt, über die Heide, und selbst ein Rationalist wie Richard III. entkommt den Geistern nicht, die er rief. In all diesen Fällen wird die reale Welt durch den Wahn ersetzt.
Das psychotische Subjekt macht sich selbst zu einem reinen Geist, zum Alleinherrscher in einer solipsistischen und gläsernen Welt, er legt das in Schutt und Asche, was der französische Philosoph Maurice Merleau-Ponty pointiert als «das Fleisch der Welt» bezeichnete. Die vorgegebene Welt, zunichte gemacht, verwandelt sich in eine symbolische Ordnung, das leibliche Subjekt wird zur leib- und leblosen Spukgestalt, zum Gespenst eines toten Menschen und einer untergegangenen Welt.
Małgorzata Szczęśniak hat für all diese Verlorenen in der Bastille-Oper einen typischen, bühnenfüllenden Małgorzata-Szczęśniak-Raum gebaut – eine von schweren Eisengittern gesäumte Irrenanstalt mit Salon vorne, Gemeinschaftssaal hinten, Spaziermeile rechts. Die Einrichtung ist spärlich: ein ...
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Opernwelt Mai 2023
Rubrik: Im Fokus, Seite 14
von Jürgen Otten
Am Beginn von Gordon Kampes neuer Oper lässt das Theater Bertolt Brechts grüßen. Über die leere Bühne schlendern die Dramatis personae herbei und bauen sich Kaugummi kauend vor dem Publikum auf: Latzhose und kariertes Hemd, Anzug oder blassrosa Kostüm, Basecap, Farmerhut. Mehr Midwest-Normalität geht nicht, und man fragt sich, ob es in diesem gottverlassenen Ort...
Als im August 1876 die Festspiele in Bayreuth mit Richard Wagners «Ring» eröffnet wurden, war das Echo in den Medien gewaltig. Allein aus Deutschland reisten über 60 Rezensenten in die fränkische Provinz, die New York Times schmückte ihre Titelseite mit Artikeln über Bayreuth, alle wichtigen Blätter der europäischen Metropolen berichteten ausführlich. Ob zustimmend...
In dämmrigen Grüften wohnt kein Dur. Schicksalhaft verdüstert ist dort das Dasein, von Trübsal dominiert. Und so verwundert es wenig, dass Richard Strauss für den Beginn des Orchesterlieds «Frühling» die Tonarten c-Moll und as-Moll wählt. Zwischen diesen beiden Traurigkeiten zwängt sich das Alter Ego des Komponisten in der Vertonung von Hermann Hesses Gedicht...
