Des Meeres und der Liebe Wellen
Die Situation, mit der uns Alessandro Scarlattis 1718 in Rom uraufgeführtes Melodramma «Telemaco» konfrontiert, ähnelt einer anderen Oper, die auf denselben Stoffquellen – Homers «Odyssee» und Fénelons aufklärerischem Erziehungsroman «Les Aventures de Télémaque» – beruht: Mozarts «Idomeneo». Wie der aus dem trojanischen Krieg heimkehrende Kreterfürst wird auch Odysseus’ Sohn Telemach auf seinen Irrfahrten vom zürnenden Meergott Neptun verfolgt.
Den Schiffbrüchigen verschlägt es ausgerechnet ins Zauberreich der Nymphe Kalypso, deren verführerischen Umgarnungen sich schon sein Vater nur mit knapper Not entwinden konnte. Der Macht der Naturgewalten entronnen erwarten ihn dort im Meer der Liebe die Stürme der menschlichen Leidenschaften.
Telemaco verliebt sich in Erifile, die Sklavin Calipsos, die Herrscherin der Insel wiederum verliebt sich ihrerseits in den Unbekannten. Aus diesem Quidproquo einer noch um Calipsos Bruder Sicoreo und ihren zudringlichen Verehrer Adrasto verkomplizierten weitläufigen Umwegdramaturgie hat Scarlattis Librettist Carlo Sigismondo Capece ein Auf und Ab der Affekte entwickelt, wie es für die barocke Oper typisch ist. Das Ganze geht gut aus: Erifile entpuppt ...
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In Eisenach gibt es keine Zauberflöte in der «Zauberflöte». Zwar muss dort drastisch gespart werden, doch in diesem Fall steckt eine Absicht dahinter, wenn das Instrument durch eine Partitur ersetzt wird. Peter Konwitschnys inzwischen weithin anerkannte Meisterschülerin Vera Nemirova hat in ihrer Deutung auch sonst einiges verblüffend «anders» gemacht. Sie beginnt...
Herr Holl, hinterlassen Lieder Spuren in Ihrer Opernarbeit?
Die Arbeit mit Texten interessiert mich am meisten. Das ist, wenn ich Wagner singe, nicht anders als bei einem Schubert-Lied.
Inwiefern?
Es geht um die Einheit von Text und Musik. Das war bei Wagner ja auch so: Er schrieb zuerst die Dichtungen, und im zweiten Schritt komponierte er sie aus. Nicht zuletzt...
Zwei Uhr früh. Der Himmel über Manaus ist schwarz. So schwarz wie das Wasser des Rio Negro, der sich an dem 1,5-Millionen-Nest mitten im Amazonasdschungel vorbeiwälzt. Fünfunddreißig Grad. Gefühlte Temperatur: fünfundvierzig Grad. Die Luft steht. Ein klebriges Gemisch, das so viel Feuchtigkeit mit sich zu führen scheint wie der mächtige Fluss, der an den Rümpfen...
