Der Wind dreht
Überall in Russland wird das Fernbleiben ausländischer Künstlerinnen und Künstler inzwischen schmerzhaft spürbar. Das Bolschoi-Theater verschob alle geplanten «Lohengrin»-Aufführungen aus Mangel an geeigneten Darstellerinnen und Darstellern auf unbestimmte Zeit. Auch das Programm der Moskauer Philharmonie hat sich auffallend verändert; als Ersatz für große internationale Namen greift man auf junge inländische Talente zurück. So ebenfalls an der Helikon-Oper die von Dmitry Bertman geleitet wird.
Dass dessen geplante «Andrea Chénier»-Inszenierung an der Deutschen Oper am Rhein gestrichen wurde (OW 04/2022), wird den Ruf des Künstlerischen Leiters der Moskauer Helikon-Oper gewiss beeinträchtigen, ihm selbst aber nichts anhaben können. Bertman ist bekannt als leidenschaftlicher Verteidiger der gegenwärtig herrschenden Kreise – nicht zuletzt eine Folge der großen Unterstützung, die er beim Bau seiner neuen Bühne erhielt.
Betrüblicherweise muss sich das Haus den Wünschen des anspruchslosesten Teils seines Publikums anpassen. Die Premiere von Jacques Offenbachs Operette «L‘ÎIe de Tulipatan» (in russischer Übersetzung) geriet dementsprechend zu einer billigen Posse – was aber weniger am ...
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Opernwelt Mai 2022
Rubrik: Magazin, Seite 81
von Alexej Parin
Ursprünglich war die Mainzer Premiere von Luigi Nonos «Al gran sole carico d’amore» für den 14. März 2020 geplant, musste aber nach der Generalprobe wegen des Corona-Lockdowns abgesagt werden. Dass sie nach genau zwei Jahren doch noch stattfand, war ein Glücksfall – für das Haus, für das Stück. Die spiel- und gesangstechnischen Ansprüche der durch Live-Elektronik...
Das Jahr der Kollektive nimmt Fahrt auf. Die documenta 15 wirft mit ihrem indonesischen ruangrupa--Kuratorium lange Schatten voraus. Aber je näher das Top-Ereignis der Kunstwelt rückt, desto nebulöser wird, was in Kassel außer Diskursen im internationalen NGO-Jargon eigentlich stattfinden soll. Längst hat sich das, was man früher «Bildende Kunst» nannte, geweitet –...
Manchmal braucht es keine aufwendigen Mittel, um große Wirkungen zu erzielen. Der überlange Tisch, an dem die Figuren im schlichten Bühnenbild von Norman Heinrich einander oft starr gegenübersitzen, weckt unweigerlich die Assoziation an das zynische Verhandlungsarrangement des russischen Kriegsverbrechers Wladimir Putin. An diesem Tisch sitzt Telramund, der alte,...
