Der Schrei nach Freiheit
Entsetzlich! Scheußlich! Fluchenswert!» Das geladene Publikum stiebt auseinander, der Eklat beim noblen Sängerkrieg ist perfekt. Elisabeth ist zudem ganz außer sich, ringt nach Contenance, will wie die anderen Damen nur noch weg von hier, ist persönlich tief verletzt durch Tannhäuser, den sie liebt.
Der hat sich nach längerer Abwesenheit gleich beim erstbesten Zeitpunkt als irrer Partycrasher entpuppt, der nicht nur ein anrüchiges Loblied auf Venus singt, sondern sich nach allen Regeln der Kunst danebenbenimmt: Einen Kellner hat er zum Spaß sexuell bedrängt, der Sängerkrieg-Harfenistin schließlich das Abendkleid heruntergerissen und ihren Busen entblößt. Elisabeth hat die ersten Treppenstufen hinaus aus der Halle schon genommen, doch da alle auf Tannhäuser losgehen, bricht es aus ihr hervor: «Haltet ein!» Erica Eloff mischt ihrem leuchtenden hohen H jene Prise Schmerz bei, die den Wohllaut nicht mindert, die Expression aber genau trifft. Im nächsten Moment schlägt sie mit weit aufgerissenen Augen die Hand vor den Mund, aus Angst vor der eigenen Courage. Doch dann wird sie zur Anwältin des unbeherrschten, psychisch derangiert wirkenden Tannhäuser.
Erica Eloffs Elisabeth ist die ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Dezember 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Walter Weidringer
Dialektisches Denken
Es ist kaum zu glauben, aber wahr: Im Januar 2025 feiert Peter Konwitschny seinen 80. Geburtstag. Schöpferisch ist er nach wie vor einer der besten Regisseure unserer Zeit; kürzlich erst hat er in Tokio die «Frau ohne Schatten» in Szene gesetzt. Die Oper Dortmund zeigt im Mai zyklisch seine grandiose «Ring»-Inszenierung, auch an anderen Häusern...
Bekanntermaßen gingen zigtausende Partituren im Meer des Vergessens verloren. Seit Felix Mendelssohns Wiederaufführung der «Matthäus-Passion» ist die Erforschung und Veröffentlichung versunkener Schätze ein Merkmal der globalen Musikkultur. Wobei unvermeidlich auch viel Treibgut angespült wird. «Satanella or The Power of Love», die 1858 uraufgeführte, jetzt...
Erinnern wir uns. Es war ein heißer Augusttag des Jahres 2018 in Salzburg, man konnte froh sein, dass im Haus für Mozart die Klimaanlage funktionierte. Ein bisschen mulmig konnte einem trotzdem zumute werden angesichts dessen, was sich auf der Bühne ereignete. Jan Lauwers hatte sich Monteverdis «L’incoronazione di Poppea» vorgenommen und anscheinend den erklärten...
