Der Schrei nach Freiheit

Evgeny Titov deutet Wagners «Tannhäuser« in Graz als ein Künstlerdrama par excellence

Opernwelt - Logo

Entsetzlich! Scheußlich! Fluchenswert!» Das geladene Publikum stiebt auseinander, der Eklat beim noblen Sängerkrieg ist perfekt. Elisabeth ist zudem ganz außer sich, ringt nach Contenance, will wie die anderen Damen nur noch weg von hier, ist persönlich tief verletzt durch Tannhäuser, den sie liebt.

Der hat sich nach längerer Abwesenheit gleich beim erstbesten Zeitpunkt als irrer Partycrasher entpuppt, der nicht nur ein anrüchiges Loblied auf Venus singt, sondern sich nach allen Regeln der Kunst danebenbenimmt: Einen Kellner hat er zum Spaß sexuell bedrängt, der Sängerkrieg-Harfenistin schließlich das Abendkleid heruntergerissen und ihren Busen entblößt. Elisabeth hat die ersten Treppenstufen hinaus aus der Halle schon genommen, doch da alle auf Tannhäuser losgehen, bricht es aus ihr hervor: «Haltet ein!» Erica Eloff mischt ihrem leuchtenden hohen H jene Prise Schmerz bei, die den Wohllaut nicht mindert, die Expression aber genau trifft. Im nächsten Moment schlägt sie mit weit aufgerissenen Augen die Hand vor den Mund, aus Angst vor der eigenen Courage. Doch dann wird sie zur Anwältin des unbeherrschten, psychisch derangiert wirkenden Tannhäuser.

Erica Eloffs Elisabeth ist die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Walter Weidringer

Weitere Beiträge
Tanz auf dem Vulkan

Eurydike backt eine Sahnetorte. Doch weder die süße Kalorienbombe noch ihr schicker Morgenmantel oder ihre schickgestylte Wohnküche können sie über die Langeweile ihrer bürgerlichen Ehe mit Orpheus hinwegtrösten. Entnervt folgt die junge Frau ihrem neuen Lover Pluto in die Unterwelt – der Weg dahin führt praktischerweise direkt durch den Kühlschrank. Auch auf dem...

Editorial Opernwelt 12/24

Das glamourös-glitzernde Glück währt genau 18 Minuten. Und das seit 1963, einmal pro Jahr, an Silvester, auf etlichen Kanälen der real noch existierenden öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten, stets und wie gewohnt zur besten Sendezeit. «Dinner for one» ist vielleicht der witzigste Sketch aller Zeiten (ersonnen hat ihn natürlich kein Deutscher, sondern ein Brite,...

Ziemlich spooky

Ein Fall für die Philologie: Allein drei Titel hat die letzte Oper der polyglotten englischen Komponistin Ethel Smyth: «Les Naufrageurs», «Strandrecht» und «The Wreckers». Französisch, weil dies die bevorzugte Dichtersprache des franko-amerikanischen Librettisten Henry Brewster, genannt Harry, war und Smyth an eine Uraufführung in London dachte, wo André Messager...