Ringen und Singen
Von den alten Griechen ist der Mythos überliefert, dass Schwäne im Angesicht des Todes besonders schön singen. Daher rührt der Begriff «Schwanengesang». Seitdem die English National Opera vor dem Abgrund steht, singt und spielt sie, als beflügle die Not des Hauses ihre Kreativität. In den letzten zwei Jahren hat die ENO eine Reihe von Aufführungen produziert, wie man sie oft vermisst hat.
Dazu gehört die fesselnde neue Inszenierung von Brittens «The Turn of the Screw» nach der psychodramatischen Schauernovelle von Henry James, die ebenso viele Fragen aufwirft, wie sie Deutungen erlaubt.
Die Geschichte einer namenlosen Erzieherin, die überzeugt ist, dass die Unschuld der beiden Waisenkinder in ihrer Obhut durch die bösen Geister von zwei verstorbenen Angestellten des Hauses (dem Diener Peter Quint und ihrer Vorgängerin Miss Jessel) korrumpiert werde, lässt bewusst vieles im Unklaren. James ging es darum, die allgemeine Vorstellung vom Bösen inten -siv genug zu gestalten, damit der Leser die Details mit seiner eigenen Phantasie ausfüllen könne. In der Novelle konstatiert der Erzähler der Geschichte denn auch, dass sie das Unbegreifliche nicht enthüllen werde, «jedenfalls nicht platt ...
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Opernwelt Dezember 2024
Rubrik: Magazin, Seite 64
von Götz Thieme
Der Tunnel am Ende des Lichts, das Schweben durch den Sterberaum, das Zusammentreffen mit bereits hinübergegangenen Verwandten: So kennt man das aus Berichten über Nahttoderlebnisse. Manches wird von der Hirnforschung sogar bestätigt. Nichts dergleichen passiert Tamino. Das sind andere Gestalten, die ihm begegnen. Ein Dämon, eine Mixtur aus Hahn, Mephisto und...
Erinnern wir uns. Es war ein heißer Augusttag des Jahres 2018 in Salzburg, man konnte froh sein, dass im Haus für Mozart die Klimaanlage funktionierte. Ein bisschen mulmig konnte einem trotzdem zumute werden angesichts dessen, was sich auf der Bühne ereignete. Jan Lauwers hatte sich Monteverdis «L’incoronazione di Poppea» vorgenommen und anscheinend den erklärten...
Das ist doch mal ein Statement: «Ich bin schön.» In diesem dreifach einsilbigen Satz der Sancta Susanna liegt gehöriger Sprengstoff. Da bricht die Energie einer jungen Frau auf, die ihren Körper in der Sittenstrenge des Klosters nicht eine Sekunde lang spüren durfte. Wo die Keuschheit von Schwester Klementia, ihrer einzigen Vertrauten, als gemeinsames Gelübde...
