Der König taumelt
Was den Menschen fasziniert, sei es ein Naturwunder, außerirdische Phänomene oder (im günstigsten Fall) ein anderes Menschenkind, führt ihn meist über sich selbst hinaus. Faszination ist dann womöglich eine transzendentale Erfahrung, und vermutlich geschieht das, was Maurice Blanchot in einem philosophisch begründeten Satz zusammengefasst hat: «Wer auch immer fasziniert ist, von dem kann man sagen, dass er keinen realen Gegenstand wahrnimmt, keine reale Gestalt, denn was er sieht, gehört nicht der Welt der Realität an, sondern dem unbestimmten Milieu der Faszination.
»
Roxane, der Gattin des (historisch verbürgten) sizilianischen Königs Roger II., widerfährt ein derartiges «Schicksal»: Sie erliegt der Aura eines Mannes, den sie in seiner wahren Gestalt (und Funktion) zunächst nicht erkennt, dessen Charisma sie aber dennoch instinktiv erspürt. Jener Hirte, der in ihres Mannes Königreich gekommen ist, um die Magie der Freiheit und der freudvollen Liebe zu verkünden, erzeugt bei ihr so große Wonnegefühle, dass sie alles um sich herum sträflich vernachlässigt, darunter auch den eigenen Gatten. Der wiederum begegnet dem Fremden mit dem Argwohn des angstbesessenen (Provinz-)Politikers; ...
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Opernwelt April 2023
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Jürgen Otten
Charles Laughton! In «The Paradine Case» aus dem Jahr 1947 spielt er einen Richter, der in privatem Rahmen die Frau ausgerechnet jenes Verteidigers angrapscht, der gerade alles unternimmt, um einen Freispruch in einem Mordprozess zu erwirken, der unter Laughtons Vorsitz stattfindet. Wenn sie als brave Gattin ihrem Mann helfen wolle, so das unausgesprochene...
Eine verschleierte Frau auf die Bühne zu bringen, birgt gewisse Gefahren. Das Motiv ist derzeit stark konnotiert, der Vorwurf der Islamophobie liegt allzu nahe. Zwar lässt sich die «verhüllte» Königin der Nacht noch unter altägyptischem Mummenschanz verstecken, den es freimaurerisch zu entrümpeln gilt, auch Salomes sieben Schleier sind als erotisches Accessoire...
Das Licht geht aus, wie von Geisterhand setzen sich die Tasten des Flügels in Bewegung. In der Mitte des Raumes beginnt sich die kreisförmige Zuschauertribüne um die eigene Achse zu drehen. Langsam fährt das verblüffte Publikum an Podesten vorbei, auf denen mehrere Sängerinnen und Sänger in blau leuchtenden Perücken hinter halbdurchsichtigen Gaze-Schleiern sitzen –...
