Atmosphäre pur
Kein Anschluss mehr unter dieser Nummer. Ins Leere geht Charlottes Griff nach dem Telefon, das an langer Schnur herunterbaumelt. Werther stirbt, mezza voce gesungen von Lucian Krasznec oder schon fast tonlos; Sophie Rennert schmiegt sich ihm in sanften Farben an. Am Münchner Gärtnerplatztheater ist Jules Massenets «Werther» in doppeltem Sinne ein «Drame lyrique», lyrischer als gewöhnlich jedenfalls, was die Titelrolle angeht. Krasznec ist um Spitzentöne keineswegs verlegen, meidet aber alle äußerliche Emphase, lotet eher die Piano-Farben aus.
Sein Werther ist ein Träumer, der sich vorsichtig durch die Welt tastet, bevor er an ihr zerbricht, wohl auch deshalb Charlotte nicht endgültig gewinnen kann. Dabei bezaubert Krasznec mit Schwelltönen und dem Einsatz der voix mixte nicht nur sie, führt seinen Tenor nach französischem Vorbild weich und bruchlos über den Passagio. Auch Rennerts hell timbrierter Mezzosopran weiß besonders zu Beginn Trauer und Zweifel zu erkunden, flüssig und zugleich klar in der Deklamation. Aber ihr Zugang wird zunehmend dramatischer, steigert sich im dritten Akt in glühende Intensität.
Es passt zu Herbert Föttingers Inszenierung, in der Charlotte eigentlich ...
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Opernwelt April 2023
Rubrik: Panorama, Seite 44
von Michael Stallknecht
Zerborsten, ausgehöhlt wie eine Ruinenlandschaft klingt das Orchestervorspiel in Søren Nils Eichbergs «Oryx and Crake». Außer vereinzelten Glockenschlägen sind alle Klangfarben ausradiert. Erlahmt tönen die Instrumente in tief-rauem Spektrum. Vor diesem düsteren Tableau, das Dirigent Albert Horne mit dem Hessischen Staatsorchester präzise erschließt, lassen...
Der kleine Amor hat spürbar Lust auf diesen Abend. Zu den ersten Takten des Vorspiels klettert er aus den Tiefen des Bühnenbodens herauf, richtet die Kissen und zieht beim übergroßen Himmelbett die Gardinen zu für das, was wir im Orchestergraben ohnehin schon deutlich hören: den Liebesrausch zwischen der Marschallin und ihrer jugendlichen Amour fou Octavian. Nicht...
Leise rieselt der Schnee. Unablässig, dichter und dichter werdend, eine Stunde lang. Die Figuren müssen sich in dieser Winterlandschaft vorkommen wie der brave Hans Castorp aus Thomas Manns «Zauberberg», der sich bei einem Ausflug ins Gebirg’ zusehends verirrt und von den Schneemassen fast zugeschüttet wird. Eine Grenzerfahrung birgt auch Romeo Castelluccis...
