CD des Monats: Im Garten der Lust

Asmik Grigorian singt Romanzen von Rachmaninow

Der Dichter fabuliert im nächtlich narkotisierten Raum. Und eigentlich will er nur seiner Liebe Ausdruck verleihen. Doch das ist passé, die Angebetete hat ihn zurückgewiesen. Also zwinkert er ihr, mit gespitzter Feder, ein letztes Mal zu: «Sing nicht, du Schöne, sing nicht mehr, / Grusiniens gramerfüllte Lieder. / Sie rufen ferne Ufer her, / Sie wecken altes Leben wieder.» Und weiter treibt es ihn, schmerzerfüllt, voller Wehmut: «Die mitleidlose Melodie / Ruft, ach, aus längst versunkener Ferne / Die Steppe und die Nacht – und sie, / Das arme Kind, im Licht der Sterne.

» Ist da noch Hoffnung? Ja, ein Fünkchen glimmt: «Die liebe, dunkle Traumgestalt, / Vergesse ich, wenn ich dich sehe; / Du singst vor mir – und mit Gewalt / Ergreift mich wieder ihre Nähe.» Es waren wohl vor allem diese traumartigen Verse, die Sergej Rachmaninow inspirierten, das zweite Gedicht aus Puschkins Zyklus «Alle Augen» zu vertonen, erlaubten die Zeilen ihm doch, der Singstimme durch des Dichters Worte hindurch seine eigenen Seelenqualen zu überantworten. Doch nicht einmal Rachmaninow konnte ahnen, mit welcher ungezügelt-ursprünglichen Vehemenz diese Musik dereinst auf uns herabprasseln würden – als Statement ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2022
Rubrik: Hören, sehen, lesen, Seite 33
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
EIN FRIVOLES PAAR

Erst das Satyrspiel, dann die Tragödie: Zehn Monate vor Massenets «Thaïs», im Mai 1893, brachte Camille Saint-Saëns seine in Windeseile komponierte Opéra comique «Phryné» auf ein Libretto von Lucien Augé de Lassus heraus. Dem tragischen Paar, einem erotisch verquälten Mönch aus der thebaischen Wüste und einer frömmelnden alexandrinischen Kurtisane, die ekstatisch...

Der Blick der Frauen

Ursprünglich war die Mainzer Premiere von Luigi Nonos «Al gran sole carico d’amore» für den 14. März 2020 geplant, musste aber nach der Generalprobe wegen des Corona-Lockdowns abgesagt werden. Dass sie nach genau zwei Jahren doch noch stattfand, war ein Glücksfall – für das Haus, für das Stück. Die spiel- und gesangstechnischen Ansprüche der durch Live-Elektronik...

Während der Vorstellung davongejagt

Früher, da hieß Dubí Eichwald. Jetzt heißt Eichwald Dubí. Und das ist gut so. Heute wohnen etwa 8000 Menschen in dieser Kleinstadt in Nordböhmen, am «oberen linken Rand» von Tschechien. Die Wälder sind dicht, aus Lichtungen leuchten helle Hausfassaden hervor. Sonst sehen wir den Wald vor lauter (böhmischen) Bäumen kaum. Ein bayerischer Schriftsteller – Carl Oskar...