Zart und roh

Ran Chai Bar-zvi und Michael Letmathe nach Kim de l’Horizon «Blutbuch» am Schauspiel Hannover

Theater heute - Logo

Als Warm-up lässt sich diese kurze Drag-Show vielleicht am besten verstehen, die der Regisseur Ran Chai Bar-zvi seiner deutschen Erstaufführung von «Blutbuch» voranstellt. Gewissermaßen als Entrée in eine Welt, in der Männer expressiv geschminkt sind, hochtoupierte Perücken tragen, waghalsige Stöckelschuhe und extrem gut sitzende Frauenkleider. Die aus Berlin nach Hannover geladene Drag-Queen Olympia Bukkakis eröffnet diese Show im Ballhof-Café so herzzerreißend wie playback. Sie zeigt Bein, Glitzerfummel und ihre Liebe zum Schlager.

Fabian Dott und Nils Rovira-Muñoz aus dem Ensemble des Theaters tun es ihr bald nach, bevor es dann – etwas umständlich her- und übergeleitet – im eigentlichen Theaterraum weitergeht. Das Publikum soll und sollte nun eingestimmt sein auf eine Erzählung aus non-binärer Perspektive, so wie sie sich in Kim de l’Horizons mehrfach ausgezeichnetem Debüt «Blutbuch» offenbart.

Die mit weißer Folie ausgekleidete Bühne, ebenfalls von Ran Chai Bar-zvi entworfen, erinnert nicht zufällig an ein Fotostudio und gibt so vor allem Raum für Projektionen. Im wörtlichen Sinne, aber auch im übertragenen. Immer dann, wenn eine:r der drei Spieler:innen die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute März 2024
Rubrik: Chronik, Seite 58
von Katrin Ullmann

Weitere Beiträge
Die unsichtbare Macht

Luis Buñuel entlarvte in seinen surrealistischen Filmen oft die bürgerliche Klasse, ihre Konventionen und ihre Selbstbezogenheit. Sein «Würgeengel» von 1962 ist bereits die zweite Bühnenadaption eines Buñuel-Films der Regisseurin Claudia Bauer. Wie bereits 2022 («Der diskrete Charme der Bourgeoisie») inszeniert sie eine Bühnenbearbeitung von PeterLicht und SE...

Von der Hoffnung in die Traufe

Heimat gilt heutzutage als toxischer Begriff und ist politisch hart umkämpft. In Cottbus unterzieht Armin Petras in «Ich mach ein Lied aus Stille» die dortige Brandenburger Heimat einer poetischen Autopsie. Grundlage für den langen dreiteiligen Abend sind Erwin Strittmatters «Ole Bienkopp», Gedichte von Eva Strittmatter und Judith Hermanns Roman «Daheim», letzterer...

Wille zur Welle

Als anfangs der Musiker, Theater- und Filmkomponist PC Nackt (bürgerlich Patrick Christensen) von der Seite auf die Vorbühne tritt, führt und stützt er einen unsichtbaren Kollegen. Dieser oder diese muss sehr, sehr alt und zerbrechlich sein, so behutsam begleitet Nackt die offenbar deutlich kleinere Gestalt die Stufen von der Rampe hinunter zu den zwei Klavieren,...