Die im Dunkeln sollen funkeln

Neue Texte in Hannover, Berlin und Leipzig: Sivan Ben Yishai legt Ibsen neu auf mit «Nora oder Wie man das Herrenhaus kompostiert», Gün Tank erinnert mit «Die Optimistinnen» an wilde Streiks von Gastarbeiter:innen, und Emre Akal testet mit «Goldie» die digitale Wiedergeburt

Theater heute - Logo

Regt sich noch jemand ernsthaft über Ibsens «Nora» auf? Kann sich noch jemand das Skandalon vorstellen, das der Text anno 1879 bedeutet haben muss, als bei der deutschen Erstaufführung im Jahr darauf in Hamburg sogar der Schluss geändert werden musste, um die traditionelle Vorstellung von Ehe nicht zu erschüttern?

Eine Frau, die Mann und Kinder verlässt, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen, schien dem Publikum nicht zumutbar. Nora blieb in der Hamburger Fassung stattdessen, der Kinder wegen.

Heute ist Ibsens Stück längst im Mainstream des Klassiker-Kanons angekom -men, Inszenierungen davon werden regelmäßig zum Theatertreffen eingeladen (2012, 2023), und selbstbewusste Noras sind beliebte Paraderollen für Ensembleprotagonistinnen im Vollgefühl ihrer Emanzipiertheit. Hat sich das einst giftig feministische «Nora»-Bühnenbonbon also längst im allgemeinen Zustimmungsjubel aufgelöst?

Jedenfalls nicht für Sivan Ben Yishai, die noch ein paar andere Fragen an den Stoff hat: Wie würde die prächtige Villa, in der Ibsens höhere Tochter aufgewachsen ist und die sie geerbt hat, wohl aus der Perspektive ihrer Angestellten aussehen, der Köchinnen, Gärtner, Hausmädchen, des Chauffeurs oder ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute März 2024
Rubrik: Aufführungen, Seite 6
von Franz Wille

Weitere Beiträge
Impressum Theater heute 3/24

Pläne der Redaktion
Tumult im Burgtheater (Foto oben) bei der Uraufführung von Thomas Bernhards «Heldenplatz» 1988: Ob Frank Castorf bei seinem Nachspiel auch schafft, was Claus Peymann damals gelang?

Ihre Vorgängerin Iris Laufenberg ging danach ans Deutsche Theater Berlin. Jetzt hat Andrea Vilter das Karrieresprungbrett Schauspielhaus Graz übernommen: der Neustart

...
Die Schöne und das Biest

Als Elisabeth Trissenaar und Hans Neuenfels Anfang der Achtziger, damals schon seit bald zwanzig Jahren ein Künstlerlebenspaar, ans Westberliner Schillertheater kamen, eroberte «die Trissenaar» die schaubühnenverwöhnte Mauerstadt mit einer überrumpelnden Doppelgesichtigkeit: als weißgewandete und traumschön gelockte Iphigenie samt edlem Gesten- und...

Wille zur Welle

Als anfangs der Musiker, Theater- und Filmkomponist PC Nackt (bürgerlich Patrick Christensen) von der Seite auf die Vorbühne tritt, führt und stützt er einen unsichtbaren Kollegen. Dieser oder diese muss sehr, sehr alt und zerbrechlich sein, so behutsam begleitet Nackt die offenbar deutlich kleinere Gestalt die Stufen von der Rampe hinunter zu den zwei Klavieren,...