Von den miesen Kritzeleien des Lebens
Wenn wir auf die Welt kommen, sind wir ein unbeschriebenes Blatt Papier. Deshalb passt es auch sehr gut, dass das Bühnenbild in Nurkan Erpulats Inszenierung von «Streulicht» im Container des Berliner Gorki Theaters aus nichts als einem überdimensionalen weißen Gebilde besteht, das man nach Herzenslust zusammenfalten, drehen und in verschiedenen Formationen wieder aufklappen kann.
Der Roman, der 2020 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand, handelt von einer Ich-Erzählerin, die als Kind einer türkischen Mutter und eines deutschen Vaters in einem Vorort von Frankfurt am Main aufwächst, in der Nähe eines Industrieparks. Sie setzt dort ein, wo sie, mittlerweile Studentin, in die elterlichen Gefilde zurückkehrt, um an der Hochzeit ihrer Jugendfreunde teilzunehmen. Doch die Rückkehr ist kein freudiges Ereignis, sondern Anlass, über die vermasselte Kindheit und Jugend in dieser von gesichtslosen Einfamilienhäusern und rauchenden Chemiewerken geprägten Gegend nachzudenken.
«Die Luft verändert sich, wenn man über die Schwelle des Ortes tritt. Eine feine Säure liegt darin, etwas dicker ist sie, als könnte man den Mund öffnen und sie kauen wie Watte» – derart sinnlich ...
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Theater heute Oktober 2021
Rubrik: Aufführungen, Seite 13
von Anna Fastabend
Die Einführungsvorlesung über den Rechtsgrundsatz der Verhältnismäßigkeit hat der Rosshändler Kohlhaas bei Heinrich von Kleist offenbar verpasst. Nachdem ihm unrechtmäßigerweise zwei seiner Gäule beim Junker von Tronka zuschanden gequält worden sind, der fällige Prozess dann mit üblen Machenschaften hintertrieben wurde und auch noch seine Frau beim Versuch, ihm...
Als ziemlich spät am Abend der öffentlichen und gestreamten Preisjury-Debatte der Anruf von Stephanie Steinberg kam, war Ewe Benbenek überzeugt davon, dass sich die Festivalleiterin nur erkundigen wollte, wie sie denn so durch den Abend gekommen sei. Natürlich hatte die 1985 geborene Autorin den Rechner zugeklappt, ihr Handy ausgeschaltet und war zu einer Freundin...
Auf einer Alsterwiese spielen Menschen. Sie werfen sich eine Plastikflasche zu, und wer die Flasche fallenlässt, legt ein Kleidungsstück ab, erst Schuhe, dann Shirt, dann Slip. Und bald ist alles ein großes Kichern, ein Klatschen von Haut auf Haut, ein Wackeln von Brüsten und Schwänzen. Es sind sexuell aufgeladene Bilder, die hier entstehen, aber gleichzeitig sind...
