Versionen der Geschichte

Roland Schimmelpfennig «Odyssee»

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Roland Schimmelpfennig hat Schule gemacht und eine ganze Generation von Autoren beeinflusst mit seiner ausgeformten Erzähltechnik – in der einfache Identifizierungen und Rollenzuschreibungen ständig unterlaufen werden und die Darsteller aus dem Modus des Erzählens in der dritten Person immer wieder ins szenische Spiel einer ersten Person einsteigen, um dies dann wieder zu verlassen.

Immer war dabei in seinen Stücken die Erzählform auch die Message, immer ging es ihm um die Ermöglichung steten Perspektivwechsels und um die Erzeugung von fantastischen, oft surrealen Welten, die einen platten Realismus überstiegen. Noch nie hat sich aber diese Erzähltechnik bei Roland Schimmelpfennig so unmittelbar aus einer literarischen Vorlage ergeben, bei der das Erfinden und öffentliche Erzählen von Geschichten selbst Thema und Methode der gesamten Narration ist. Homers «Odyssee» ist jener «Grundtext der europäischen Zivilisation» (Horkheimer/ Adorno), den Schimmelpfennig nicht nur auf seine Motive hin, sondern auch nach seinen narrativen Strukturen befragt und überschreibt. 

Im achten Buch der «Odyssee» ist der homerische Held bei den Phaiaken angekommen. Am Hof des Alkinoos singt der Sänger ...

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Theater heute Jahrbuch 2018
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 180
von Jörg Bochow

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