Vergnügen ist Arbeit
Wenn das Telefon klingelt, ist der Spaß vorbei. Dann ist Rom in der Leitung, die Pflicht ruft. Immerhin leben Antonius und Kleopatra noch im Zeitalter der Wählscheibenapparate mit Kringelschnur, die Erreichbarkeit bleibt also überschaubar. Sonst würde Shakespeares Plot auch in sich zusammenbrechen, der zwischen Äypten und Rom zwei Welt- und Menschenbilder aufspannt: Vergnügen gegen Effizienz, Hedonismus gegen Verwaltungsmacht, Verschwendung gegen Vernunft.
Shakespeares «Antonius und Kleopatra» ist von allen Spielplänen schon lange so gut wie verschwunden, und das hat gute Gründe. Sein Märchen-Ägypten ist ein kolonialer Traum, Eroberungskriege sind allgemein akzeptierter Alltag, sein Kleopatra-Frauenbild eine aufgeblasene Männerfantasie, Gewalt eine allgemein akzeptierte Umgangsform, Rassismus an der Tagesordnung. Alles schwer vermittelbar in einem öffentlichen Theater unter kritischer Medienbeobachtung. Das Stück ist eine einzige Falltür in alle Höllen des Missbrauchs.
Dagegen hat Regisseurin Claudia Bauer gleich mehrere gestaffelte Verteidigungslinien gezogen: Einen Disclaimer als Untertitel, «eine Shakespeare-Installation im Kolonialstil»; eine radikale Strichfassung, die fast ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Juni 2023
Rubrik: Aufführungen, Seite 14
von Franz Wille
Theater heute Es gibt viele internationale Festivals, nun gibt es eines mehr: «Performing Exiles» der Berliner Festspiele, erfunden und kuratiert von Matthias Lilienthal. Was ist daran besonders?
Matthias Lilienthal Es ist ein Festival, das sich einer verborgenen Berli - ner Szene widmet, nämlich Künstler:innen, die hier leben, aber nicht deutscher Herkunft sind,...
Am 23. April dieses Jahres ist der Berliner Theaterwissenschaftler Joachim Fiebach im Alter von 88 Jahren gestorben. Von 1995 bis 1998 habe ich bei ihm studiert, danach haben sich unsere Wege nur noch sporadisch gekreuzt. Angesichts seiner mehr als ein halbes Jahrhundert umspannenden akademischen Karriere und einer noch viel länger währenden Beschäftigung mit dem...
Der Starez Sossima, der heilige Mönch, liegt halb erhöht im offenen Sarg wie Holbeins Christus, ausgestellt als Wundertäter, und stinkt. Statt des erwarteten Wunders ereignet sich Fäulnis, und in einer grotesken Choreografie versuchen die Trauergäste und Jünger, mit angehaltenem Atem dem Kadaver gegenüber Haltung zu bewahren. Noch ein paar würdevolle Worte, bis...
