Verführerische Gewaltspiralen
Auf der Bühne stehen schwarze Stühle, auf die sich beim Einlass nach und nach Personen in schicker blaugrüner Abendkleidung setzen, elegant ihre Beine übereinanderschlagen, den Blick ins Publikum gerichtet. Doch über ihren Köpfen tragen sie weiße Stoffmasken, über ihren Körpern weiße Anzüge wie eine zweite Haut: Es ist eine anonyme, gespenstische Versammlung, die den Zuschauer:innen gegenübertritt.
Wenig später wird diese schicke Abendgesellschaft vollkommen entgleisen, in einer Orgie aus Sex und Gewalt werden hier Blow-Jobs verteilt und dort Menschen mit Stühlen attackiert – allerdings in Zeitlupe, stilisiert, und, entgegen des Stücktitels, gerade nicht emotional.
In dieser Spielzeit kooperieren zwei Kulturinstitutionen Frankfurts erstmals miteinander, die Dresden Frankfurt Dance Company und das Schauspiel. Im Dezember zeigte Jacopo Godani, Künstlerischer Leiter der Dresden Frankfurt Dance Company, erstmals im Schauspielhaus einige seiner Stücke. Nun folgt eine Auftragsarbeit des Schauspiels: «10 Odd Emotions», «Zehn seltsame Gefühle». In dieser Inszenierung der israelstämmigen Choreografin Saar Magal stehen sowohl Tänzer:innen als auch Schauspieler:innen auf der Bühne, um sich, ...
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Theater heute 4 2023
Rubrik: Chronik, Seite 58
von Esther Boldt
Robert Musils knapper Roman «Die Wirrungen des Zöglings Törleß» von 1906, sein einziger literarischer Erfolg zu Lebzeiten, landet derzeit des Öfteren auf deutschen Bühnen. Offenbar ist die dargestellte geistig-seelische Entwicklung des sensiblen Schülers Törleß in einem Elite-Internat fern der Stadt nach wie vor interessant, wird Törleß dort doch mit den...
Wenn wir im Theater eins gut können, dann die Verdichtung gesellschaftlicher Themen zu dramatischem Stoff. Das, was in den letzten Monaten in dem kleinen Dorf Lützerath in NRW passiert ist, ist der Stoff, aus dem monumentale Geschichten gesponnen werden, eine antike Tragödie, ein Erzählmuster, dass sich die Menschheit seit Jahrtausenden erzählt: David gegen...
Das Persönliche aufschreiben, um es zu etwas Allgemeinem zu machen: «... dass meine Existenz im Kopf und Leben der anderen aufgeht.» So erklärt Annie Ernaux in «Das Ereignis», warum sie sich 1999 daran machte, ihre Abtreibung als junge Frau knapp 40 Jahre zuvor schreibend zu rekonstruieren. 1963 war eine Schwangerschaftsunterbrechung in Frankreich ein Verbrechen;...
