Verführerische Gewaltspiralen
Auf der Bühne stehen schwarze Stühle, auf die sich beim Einlass nach und nach Personen in schicker blaugrüner Abendkleidung setzen, elegant ihre Beine übereinanderschlagen, den Blick ins Publikum gerichtet. Doch über ihren Köpfen tragen sie weiße Stoffmasken, über ihren Körpern weiße Anzüge wie eine zweite Haut: Es ist eine anonyme, gespenstische Versammlung, die den Zuschauer:innen gegenübertritt.
Wenig später wird diese schicke Abendgesellschaft vollkommen entgleisen, in einer Orgie aus Sex und Gewalt werden hier Blow-Jobs verteilt und dort Menschen mit Stühlen attackiert – allerdings in Zeitlupe, stilisiert, und, entgegen des Stücktitels, gerade nicht emotional.
In dieser Spielzeit kooperieren zwei Kulturinstitutionen Frankfurts erstmals miteinander, die Dresden Frankfurt Dance Company und das Schauspiel. Im Dezember zeigte Jacopo Godani, Künstlerischer Leiter der Dresden Frankfurt Dance Company, erstmals im Schauspielhaus einige seiner Stücke. Nun folgt eine Auftragsarbeit des Schauspiels: «10 Odd Emotions», «Zehn seltsame Gefühle». In dieser Inszenierung der israelstämmigen Choreografin Saar Magal stehen sowohl Tänzer:innen als auch Schauspieler:innen auf der Bühne, um sich, ...
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Theater heute 4 2023
Rubrik: Chronik, Seite 58
von Esther Boldt
Istanbul in den 1990ern. Ein Mann steht in seiner neuen Wohnung und stellt sich vor, wie sehr sich seine Frau und die vier Kinder freuen werden, wenn sie sie zum ersten Mal zu sehen bekommen. Er hat jahrzehntelang als Arbeitsmigrant in Deutschland geschuftet, um sich die Eigentumswohnung leisten zu können. Doch bevor er sie vorzeigen kann, stirbt er an einem...
Wenn wir im Theater eins gut können, dann die Verdichtung gesellschaftlicher Themen zu dramatischem Stoff. Das, was in den letzten Monaten in dem kleinen Dorf Lützerath in NRW passiert ist, ist der Stoff, aus dem monumentale Geschichten gesponnen werden, eine antike Tragödie, ein Erzählmuster, dass sich die Menschheit seit Jahrtausenden erzählt: David gegen...
Auf den ersten Blick ist das Post-Brexit-London noch immer die pulsierende Weltmetropole, die es stets war. Ein Wunder an funktionstüchtigem, im Minutentakt anfahrenden öffentlichem Nahverkehr; die Verkehrswende, von der verstopfte deutsche Städte nur träumen können, längst geschafft. Die versmogte Stadt, in der sich nichts mehr bewegt, ist längst Vergangenheit....
