Ups and Downs im Empire
Auf den ersten Blick ist das Post-Brexit-London noch immer die pulsierende Weltmetropole, die es stets war. Ein Wunder an funktionstüchtigem, im Minutentakt anfahrenden öffentlichem Nahverkehr; die Verkehrswende, von der verstopfte deutsche Städte nur träumen können, längst geschafft. Die versmogte Stadt, in der sich nichts mehr bewegt, ist längst Vergangenheit. Die Kreditkarte, die hier jeder besitzt, wird kurz vors Display gehalten, und schon ist man durch die Barriere, Kontrollen überflüssig.
In den Waggons sitzen vielsprachige Menschen aller Herkünfte aus allen Welten und allen Altersgruppen, vermutlich allerdings nicht aus allen Einkommensgruppen. In London Central zwischen Notting Hill, Southbank, Piccadilly und Chelsea reiht sich ein Luxusgeschäft ans nächste, hinterm Maserati parkt der Range Rover, die Karossen werden aber vermutlich eher für den Wochenendtrip ins Landhaus genutzt. Ein Stück Käsekuchen kostet auch mal 12 Pfund, die Theaterkarte in den kleineren Theatern zwischen 40 und 65, in den großen geht es auch bis 90 Pfund hoch. Die Innenstadt, durch die sich die Theaterbesucherin bewegt, ist ein Eldorado der Superreichen, die den vielen Bettlern sehr sporadisch ein ...
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Theater heute 4 2023
Rubrik: International, Seite 40
von Barbara Burckhardt
Istanbul in den 1990ern. Ein Mann steht in seiner neuen Wohnung und stellt sich vor, wie sehr sich seine Frau und die vier Kinder freuen werden, wenn sie sie zum ersten Mal zu sehen bekommen. Er hat jahrzehntelang als Arbeitsmigrant in Deutschland geschuftet, um sich die Eigentumswohnung leisten zu können. Doch bevor er sie vorzeigen kann, stirbt er an einem...
Jürgen Flimm war der moderne Bruder von Thomas Bernhards Theatermacher Bruscon, ein zumeist liebenswürdiger und liebenswerter Geysir, der mitunter auch zum gefährlich brodelnden, Feuer und Mordio speienden Vulkan werden konnte. Er tanzte auf vielen Hochzeiten, aber weiß Gott nicht auf allen. Dieser neuzeitliche Striese war auch ein kluger Stratege, ein gewiefter...
Nun Jürgen Flimm. Und jedes Mal denke ich: Hätte ich doch bloß noch angerufen oder wäre nochmal vorbeigefahren; aber am Theater ist ja bekanntlich immer Alarmzustand, so dass man das Gefühl hat, nie so richtig wegzukommen, und dann vergisst man, den Kontakt zu halten zu Menschen, die einem mal lieb und wichtig waren. Jürgen Flimm war nie lieb, aber wichtig, und er...
