Spielen wie die Jungs
Zum Schluss winkt Medea mit ihrer neuen Familie ins Publikum, nicht triumphierend, sondern – so scheint es zumindest – ganz einfach glücklich. Mit Aigeus, dem König von Athen, hat sie zwei Töchter, ungefähr so alt wie die beiden Söhne, die sie eine Szene vorher sanft und sachlich erstochen hat. Ihr ist gelungen, was auch ihr Ex Jason vorhatte, ein neues Leben anzufangen und das alte ohne Reue hinter sich zu lassen. Was Männer können, kann auch eine Frau. In dieser Gleichberechtigung liegt allerdings noch kein Grund zur Beruhigung.
Karin Henkel sucht in ihrer Euripides-Inszenierung am Münchner Residenztheater nach einem neuen Weg, die alte Geschichte von der rasenden Entrechteten zu erzählen, die sich von ihrer unbezähmbaren Liebe zu Untaten wider die Familienräson hinreißen lässt. Fraglich ist nur, ob sich mit solcher Manipulation des Mythos tatsächlich so etwas wie feministisches Empowerment betreiben lässt, oder ob hier nicht von alters her und unverrückbar ein Fall von toxisch-patriarchaler Propaganda vorliegt. Denn Mythen sind niemals neutral, sie operieren politisch, wollen rechtfertigen und untermauern oder wankende Ordnungen neu etablieren.
«Das endlose Lied von der ...
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