Spielen wie die Jungs
Zum Schluss winkt Medea mit ihrer neuen Familie ins Publikum, nicht triumphierend, sondern – so scheint es zumindest – ganz einfach glücklich. Mit Aigeus, dem König von Athen, hat sie zwei Töchter, ungefähr so alt wie die beiden Söhne, die sie eine Szene vorher sanft und sachlich erstochen hat. Ihr ist gelungen, was auch ihr Ex Jason vorhatte, ein neues Leben anzufangen und das alte ohne Reue hinter sich zu lassen. Was Männer können, kann auch eine Frau. In dieser Gleichberechtigung liegt allerdings noch kein Grund zur Beruhigung.
Karin Henkel sucht in ihrer Euripides-Inszenierung am Münchner Residenztheater nach einem neuen Weg, die alte Geschichte von der rasenden Entrechteten zu erzählen, die sich von ihrer unbezähmbaren Liebe zu Untaten wider die Familienräson hinreißen lässt. Fraglich ist nur, ob sich mit solcher Manipulation des Mythos tatsächlich so etwas wie feministisches Empowerment betreiben lässt, oder ob hier nicht von alters her und unverrückbar ein Fall von toxisch-patriarchaler Propaganda vorliegt. Denn Mythen sind niemals neutral, sie operieren politisch, wollen rechtfertigen und untermauern oder wankende Ordnungen neu etablieren.
«Das endlose Lied von der ...
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Wir lernen Bilder lesen. Was meinen die kämpferischen jungen Frauen aus Chile, was die Performance-Dokumentaristen, die vom Kampf des indigenen Mapuche-Volks im Grenzgebiet zu Argentinien erzählen, wenn sie im Schlussbeifall eine Hand vor ein Auge legen? Im Internet der Netzwerke ist die Geste ein bisschen bekannt, auf den Bühnen des Heidelberger Theaters wird sie...
Mit Volker gab es keine Proben. Statt zu proben kam Volker mit dem Taxi zu mir nach Weißensee, wir haben ohne viel zu reden Opernfilme gekuckt: Jean Pierre Ponelle, Otto Schenk, Karajan und unsere Lieblingstenöre gehört. Max Lorenz, der schwule Wagnerheld, war der genialste. Volker hatte ihn in Wien persönlich kennengelernt, als er dort am Max-Reinhard-Seminar...
Unter dem schönen Titel «Dokumente, Pläne, Traumreste» präsentiert der Leiter der Theaterwissenschaftlichen Sammlung Köln, Peter W. Marx, im Alexander Verlag einen attraktiven, sehr bunt zusammengewürfelten Band zum 100-jährigen Jubiläum der Sammlung. Doch dem Titel werden viele der genderspezifisch und politisch zweifellos korrekt formulierten Textbeiträge von...
