Spielen wie die Jungs
Zum Schluss winkt Medea mit ihrer neuen Familie ins Publikum, nicht triumphierend, sondern – so scheint es zumindest – ganz einfach glücklich. Mit Aigeus, dem König von Athen, hat sie zwei Töchter, ungefähr so alt wie die beiden Söhne, die sie eine Szene vorher sanft und sachlich erstochen hat. Ihr ist gelungen, was auch ihr Ex Jason vorhatte, ein neues Leben anzufangen und das alte ohne Reue hinter sich zu lassen. Was Männer können, kann auch eine Frau. In dieser Gleichberechtigung liegt allerdings noch kein Grund zur Beruhigung.
Karin Henkel sucht in ihrer Euripides-Inszenierung am Münchner Residenztheater nach einem neuen Weg, die alte Geschichte von der rasenden Entrechteten zu erzählen, die sich von ihrer unbezähmbaren Liebe zu Untaten wider die Familienräson hinreißen lässt. Fraglich ist nur, ob sich mit solcher Manipulation des Mythos tatsächlich so etwas wie feministisches Empowerment betreiben lässt, oder ob hier nicht von alters her und unverrückbar ein Fall von toxisch-patriarchaler Propaganda vorliegt. Denn Mythen sind niemals neutral, sie operieren politisch, wollen rechtfertigen und untermauern oder wankende Ordnungen neu etablieren.
«Das endlose Lied von der ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Wer es nicht wahrhaben will, sollte sich spätestens jetzt damit abfinden: Das mit Europa wird nichts mehr. Der gemeine Europäer wird sich in naher Zukunft zum Meer hin wohl mit einer Mauer verbarrikadieren und im Landesinnern weiterhin die Natur und sich selbst zerstören. Auf der Meeresseite der Mauer wird es allerdings noch Menschen geben. Sie strandeten hier,...
Das Wiener Burgtheater hatte schon alle Vorstellungen bis 31. März abgesagt, da war der Deutsche Bühnenverein noch verhalten optimistisch. Man gehe davon aus, hieß es am 9. März, «dass der Spielbetrieb in den Orchestern weitgehend regulär weitergeht». Aber man bewerte die Lage täglich neu. Zunächst galten laut Bundesgesundheitsminister Jens Spahn 1000 Personen als...
Sie ist eine literarische Ikone des 19. Jahrhunderts. «Madame Bovary», die schmerzhaft unbefriedigte, kitschroman- und kaufsüchtige Landarztgattin, deren Tod aus Enttäuschung von Gustave Flaubert in so kalte, klare Worte gefasst wurde, dass einem beim Lesen das Blut in den Adern gefriert. Ein Roman, der in seiner literarischen Emanzipiertheit die Bühne nicht...
