Räusche und Geräusche
Es ist immer wieder interessant, an Nazi-Kontinuitäten erinnert zu werden – dass etwa im Jahr 1988 Thomas Bernhards Uraufführung von «Heldenplatz» nur unter Polizeischutz stattfinden konnte und einen der größten Theaterskandale Österreichs der Nachkriegsgeschichte auslöste. Bernhard, der im Stück den fortdauernden Antisemitismus in Gesellschaft und Kulturbetrieb thematisierte, beging für den gerade erst zwei Jahre zuvor gewählten Bundespräsident Kurt Waldheim, einst selbst SA-Offizier, eine untragbare «globale Beschimpfung Österreichs».
Es hagelte Boykott-Rufe, reale Angriffe und Todesdrohungen.
Im Theater an der Ruhr verzahnt das in NRW spitzengeförderte Performance-Kollektiv KGI («Büro für nicht übertragbare Angelegenheiten», hervorgegangen aus den Angewandeten Theaterwissenschaften Gießen und der Ernst-Busch-Schule) in einem «Mixed Reality Experiment» nun historische Schichten mit Gegenwart – und bringt sogar das Kunststück fertig, aktuellen Antisemitismus im Kultur -betrieb nach dem 7. Oktober zu befragen. Vermeintlich harmlos analog beginnt das «Mixed Reality Experiment», um in vollkommener VR-Immersion zu enden. Nur acht Zuschauer sind zugelassen in der winzigen Studiobühne ...
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Theater heute Februar 2024
Rubrik: Aufführungen, Seite 19
von Dorothea Marcus
Ein Ende. Das war es, was sich Frankfurt am Main an diesem Tag, dem 14. Dezember 2023, wünschte. Oder zumindest wünschten sich das seine Stadtverordneten, seine größte Zeitung und sein Oberbürgermeister Mike Josef. «Ich fände es gut, wenn wir in dieser Stadt auch mal etwas zu Ende bringen würden», hatte der in einer Debatte gesagt, die eine Woche vorher im...
Die Ungleichheit in Deutschland wächst, der Gini-Koeffizient für die Vermögenskluft ist auf hohe 0,81 angestiegen. Aber sozialer Widerstand will sich nicht regen. Zu tief ist die meritokratische Ideologie und die wie auch immer illusorische Aufstiegserwartung in alle Bevölkerungsschichten eingesickert.
Insofern ist es verdienstvoll, dass sich zwei Berliner Bühnen...
Der Titel ist eine Ansage: «Karl May», Weltbestseller-Autor aus ärmlichsten Verhältnissen, dessen Männer-Helden um Old Shatterhand, Winnetou, Kara Ben Nemsi et al. nicht nur in postkolonialen Seminarräumen bei bloßer Erwähnung die Neonröhren zum Flackern bringen. Fröhlicher Kolonialismus, kulturelle Aneignung, toxische Männlichkeit, you name it. Es braucht heute...
