Mülheim/Ruhr Theater an der Ruhr: Ein leiser Populist
«und wenn die politik / durchs gesetz behindert wird / wenn fortschritt wenn / dem hausverstand durchs gesetz / die hände gebunden»?, sinniert Kreon einmal. «Hausverstand» ist laut Duden die österreichische Version des «gesunden Menschenverstands». Ob Haus- oder gesund, in jedem Fall ist dieser spezielle, meist eher eingeschränkte «Verstand» das zentrale Argument von Populist*innen weltweit: gegen die Wissenschaft, gegen Moral, gegen demokratische und bürokratische Abläufe.
Einen solchen selbstgerechten Herrschertypus porträtiert Schauspielerin und Regisseurin Simone Thoma in ihrer Inszenierung «antigone. ein requiem» von Thomas Köck, mit der das Theater an der Ruhr die Spielzeit eröffnet. Allerdings ist Fabio Menéndez’ Kreon kein unbeherrschter Scharfmacher wie Trump oder Bolsonaro. Seine Markenzeichen sind besonnenes Auftreten, sanftes Sprechen, aufmerksames Zuhören – und etwas Blattgold, das sein Gesicht an den Schläfen rahmt. Er ist hier nicht nur Politiker, sondern tritt zugleich als Moderator einer eigenen Talkshow auf. Auf der bunt leuchtenden Showbühne von Bühnenbildnerin Adriana Kocijan dürfen alle mitreden, kritisieren, flehen, schimpfen – es hat nur nicht die geringste ...
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Theater heute Dezember 2020
Rubrik: Chronik, Seite 53
von Cornelia Fiedler
Eva Behrendt Heute Abend hätte die Uraufführung von «Mutter Vater Land» in Bremen stattfinden sollen; die Premiere musste auf zunächst unbestimmte Zeit verschoben werden. Halten Sie es so lange noch aus?
Akın Şipal Aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben. Außerdem habe ich mir gestern die Generalprobe angesehen, ich weiß also in etwa, was daraus geworden ist.
EB Wie...
Traurige Ironie der Pandemiegeschichte: Weil man die Inszenierung im Juli nicht vor den damals zugelassenen 200 Zuschauern herausbringen wollte, gab es vor den Sommerferien nur zwei Voraufführungen. Jetzt durfte die nachgeholte Premiere von «Dantons Tod» in der Regie von Sebastian Baumgarten im Schauspielhaus des Münchner Residenztheaters Anfang November nur noch...
Gerade noch denkt man, was für ein hochästhetischer Anblick: diese abgestuften Rot- bis Rosa-Töne, durchzogen von feinen weißen Äderchen; diese Assemblagen aus popkulturellen Icons und Straßenrand-Trash, diese irgendwie geschwungenen, organischen Formen. Doch langsam setzen sich die Bildmotive genauer zusammen: bis auf leichte Fleischreste abgeschabte Knochen,...
