Mehr Religion, mehr Toleranz?
Wird «Babtschik» der neue «Shtisel»? Um keinen Jungautor wird derzeit in der israelischen Theaterszene intensiver geworben als um Yehonatan Indursky, mittlerweile weltberühmter Autor der extrem erfolgreichen, drei Staffel langen Netflixserie «Shtisel» über eine charedische (hebräisch: ultra-orthodoxe) Familie. Im Geheimen arbeitet er allerdings längst an seinem ersten Theaterstück, das im Frühjahr 2023 am Beit-Lessin Theater in Tel-Aviv uraufgeführt werden soll.
Dem strengen Realismus seiner Serie den Rücken kehrend, möchte der 38-jährige, selbst aus ultraorthodoxem Milieu stammen -de Autor sein erstes Theaterstück «Babtschik» als eine Art modernes Märchen verstanden wissen.
Der Todesengel höchstselbst verhängte vor vier Generationen, noch in der polnischen Białystock-Diaspora, einen Fluch über die jüdische Restaurantbesitzerfamilie dieses Namens, und zwar nachdem der Ur -uropa Babtschik einem notleidender Chassid einen Teller des tradi - tionellen Buchweizenbreis «Kasza» verweigerte, weil es schon Feierabend wurde. Stattdessen eilte Babtschick zur Feier seines 57. Geburtstags. Was er nicht wusste: Hinter dem armen Bettler steckte eben jener Todesengel, der sich, müde vom ...
AVISHAI MILSTEIN ist Autor, Regisseur und Chefdramaturg am Bei-Lessin Theater Tel Aviv. Sein Stück «Die Friedensstifterin» wird am 31.3. am Staatstheater Kassel uraufgeführt.
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Theater heute 1 2023
Rubrik: International, Seite 32
von Avishai Milstein
Die interessanteste Figur in diesem Stück heißt «Ich» (Alrun Hofert) und ist schwer greifbar. Es handelt sich um ein Atom oder Molekül, irgendein winziges Stück Materie, das immer schon da war und im Lauf der Jahrtausende so einiges mitgemacht hat. So eine Kontinentalverschiebung etwa ist ja keine Kleinigkeit. In jüngster Vergangenheit hielt es sich im Körper...
Wer die Macht hat, hat auch die Angst, sie wieder zu verlieren. Doch irgendwann kommt unweigerlich der Moment, wo sich das Problem der Nachfolge nicht länger verdrängen lässt. Angesichts sich auf Lebenszeit ins Amt zementierender Diktatoren einerseits und der händeringenden Suche nach überhaupt noch willigen, geschweige denn fähigen Kandidaten für aufreibende...
Gemäß einer Tradition, die auf das Jahr 690 zurückgeht, wird der große Shinto-Schrein Ise-jingu in Japan alle 20 Jahre vollständig abgebaut und von Grund auf wiedererrichtet – ein Ausdruck des Shinto-Glaubens an den Tod und die Erneuerung der Natur. Der neue Schrein wird auf einem dem alten angrenzenden Areal wiedererrichtet, ein Prozess, der mehrere Jahre dauert...
