Bühnenbeschimpfung
Gemäß einer Tradition, die auf das Jahr 690 zurückgeht, wird der große Shinto-Schrein Ise-jingu in Japan alle 20 Jahre vollständig abgebaut und von Grund auf wiedererrichtet – ein Ausdruck des Shinto-Glaubens an den Tod und die Erneuerung der Natur. Der neue Schrein wird auf einem dem alten angrenzenden Areal wiedererrichtet, ein Prozess, der mehrere Jahre dauert und mit der Umsiedlung der Ahnengeister vom alten in den neuen Schrein endet.
Wenn diese Umsiedlungszeremonie abgeschlossen ist, kann der alte Schrein abgebaut werden und der neue Schrein wird zum höchsten Heiligtum. Gänzlich neu, dennoch annähernd 2000 Jahre alt. Nachgebaut bis ins letzte Detail und trotzdem einzigartig.
Seit dem 5. Jahrhundert ist der Ise-jingu Schrein 62 Mal wiedererrichtet worden, zuletzt 2013, davor 1993. Das nächste Mal wird sich das Prozedere im Jahr 2033 wiederholen.
Teil 1 | Der Körper als Institution
Ich habe das Theater immer sehr geliebt, und dennoch gehe ich fast nie mehr hin
Roland Barthes
Ihre Körper als Institution, schaut sie Euch an. Stehen vor Euch in einer Reihe, schaut. Sie beobachten Euch, schaut zurück. Ihre Hände in die Hosentaschen gesteckt – als Fäuste. Ihre Gesichter – ruhig, ...
SIVAN BEN YISHAI, geboren 1978 in Tel Aviv, studierte Szenisches Schreiben und Theaterregie in Jerusalem und Tel Aviv, arbeitete als Regisseurin und lebt seit 2012 in Berlin. Sie war in der Spielzeit 2019/20 Hausautorin am Nationaltheater Mannheim. 2020 wurde sie mit «LIEBE/Eine argumentative Übung» sowie 2022 mit «Wounds Are Forever (Selbstporträt als Nationaldichterin)» zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen; 2022 erhielt sie den Mülheimer Dramatikpreis.
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Theater heute 1 2023
Rubrik: Das Stück, Seite 100
von Sivan Ben Yishai
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