Mannheim Nationaltheater: Die Würde würde gern ...
Vor einem Jahr sagte Björn Bicker anlässlich der Bochumer Uraufführung seiner «Lehrer*innen» in einem Interview: «Ich führe Gespräche, besuche Schulen und Unterrichtsstunden. Ich sammle Material. Und aus dem Material wird sich eine literarische Form ergeben: eine Klage, ein Liebeslied, ein Chor, ein Manifest, eine Farce – oder alles zusammen.
» Jetzt, da Bickers «Lehrer*innen» am Mannheimer Nationaltheater nachgespielt wurde, sollte man darauf verweisen, dass der Theaterabend zwar auf recherchiertem Material beruht, auf keinen Fall aber dokumentarisches Theater sein will, sondern der Versuch, eine gesellschaftspolitische Problemzone unter Zuhilfenahme von tatsächlichen Geschichten aus dem Berufsalltag zu verhandeln. Fiktional, oder wenn man so will: literarisch.
Dass die Lehrer*innen schon längst nicht mehr gemeinsam mit dem Bürgermeister, Arzt und Großgrundbesitzer am Stammtisch sitzen, ist kaum zu bestreiten. Die Frage wäre nur, wohin hat es sie denn verschlagen: Genau dorthin, wo Schuldige gesucht werden, in eine pädagogische Sahelzone oder in ein Haifischbecken, in dem Schüler*innen, Eltern und die Schulaufsicht auf das nächste Menschenopfer warten. Eine Antwort gibt das ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Dezember 2020
Rubrik: Chronik, Seite 52
von Jürgen Berger
Am Anfang ist das Wort. Nicht das der Befragerin, Dorte Lena Eilers, sondern das der Befragten: Valery Tscheplanowa. Sie spricht, in fünf Gedichten, die tief blicken lassen in eine eigenständige, zerrissene Seele: «Und Wache halt ich / Adler Echo, über Dich / Der Du den Aufbruch wagst ins Eigne».
Es folgt ein langes Gespräch, das auf 130 Seiten immer weiter...
Zwei Stunden sitzt die Schauspielerin Pauline Kästner fest; wie ein Häuflein Elend auf einem Sandhaufen in der Mitte der Bühne des Nürnberger Staatstheaters. Ihr Aktionsradius ist denkbar klein, Regisseur Andreas Kriegenburg hält sie an der kurzen Leine: Dieser Antigone gibt er keinerlei Chance einzugreifen. Sie mag sich winden, mag im Sand wühlen, Spuren suchen...
«Dies ist eine Bühne» – so sorgfältig wird man zu Beginn schon informiert. Dann lernt man: «Dies ist Rosa Enskat. Sie ist eine Schauspielerin.» Brechts Lehrtheater wird fein ironisiert. Während der Vorstellungsrunde fahren die Figuren auf der Drehbühne an uns vorbei wie Figuren in einem Glockenspiel oder einem Wachsfigurenkabinett, jede mit einer charakteristischen...
