Last Exit Religion
Im Anfang ist da nur dieses eine Wort. Klingt natürlich im Englischen viel charmanter, und noch charmanter klingt es, wenn es aus dem Munde eines echten Gentleman herausströmt wie ein Stück Sahnecremetorte.
Und genau so ist auch der Auftritt von Sir Henry zu Beginn von «Howl» in der Volksbühne Berlin: Im eleganten Anzug, auf dem Haupt einen schicken schwarzen Hut, erscheint der Mann mit der Ledertasche hinten vorm Bühnenhalbrund, stolziert dann durch das ganze Gerümpel und halbfertige Betonzeug, das Christian Friedlaender dort abgestellt hat, hindurch zur Rampe und hat dabei nur das eine Wort auf den Lippen: «Holy, Holy, Holy.»
Man muss, während Sir Henry mit gespielter Noblesse frei nach Spinoza sein Mantra von der Heiligkeit aller Dinge auf Erden vollführt, unweigerlich an seine zeitgenössische säkulare Widerlegung denken: Nichts ist heilig. Und noch einen Schritt weiter vielleicht an einen Satz des polnischen Philosophen Leszek Kolakowski: «Falls Gott nicht existiert, ist alles erlaubt.» Die Postmoderne hat daraus jenes berühmt-berüchtigte «anything goes» destilliert, das den Menschen der nachfolgenden Generation (die flüchtige Spätmoderne) nach wie vor in Verzweiflung ...
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Theater heute Januar 2020
Rubrik: Tanz- und Musiktheater, Seite 38
von Jürgen Otten
Zu Beginn eine Szene, die an die US-Serie «True Detective» erinnert: Taschenlampen erhellen den dunklen Bühnenraum, geben den Blick frei auf eine unheimlich drapierte Frauenleiche. Eindeutig ein Ritualmord: ausgeweidet wie ein Tier, mit einem Hirschgeweih auf dem Kopf und Runenzeichen am nackten Körper. «Fesseln, Stiche, Folter, nirgends Blut», stellen die beiden...
Eine Sextherapie gegen Rassismus: «Slave Play» wirkt auf den ersten Blick ziemlich abgedreht. Doch vielleicht zeichnen sich gute Ideen genau dadurch aus, dass sie anfangs befremden und am Ende den Eindruck hinterlassen, dass sie eigentlich ziemlich naheliegend waren. In dem Stück des dreißigjährigen Autors Jeremy O. Harris, das Anfang Oktober am Broadway Premiere...
Man kann es kommen sehen. Dass in dieser Ballettstunde nicht alles mit richtigen Dingen zugeht, ist eigentlich schon auf den ersten Blick klar. Schließlich steht die Ballettlehrerin Beatrice «Trixie» Cordua mit ihren achtzig Jahren nackt auf der Bühne. Wie selbstverständlich fordert sie ihre Schülerinnen dazu auf, die Ballettstangen auf die Bühne zu stellen, um...
