Keine Bühne für Täter

Frei nach Georg Büchner «Woyzeck» am Theater an der Ruhr Mülheim

Theater heute - Logo

Er ist quasi der Täter der Herzen in der an Femiziden nicht armen Dramengeschichte: Georg Büchners Woyzeck. Wir lernen ihn als Opfer der (Klassen-)Gesellschaft kennen und, wenn auch widerwillig, verstehen. Er ist und bleibt in den meisten Inszenierungen die Identifikationsfigur. Seine Verlobte Marie, die er ermordet, bekommt gerade mal etwas Mitleid. Woyzeck – und diverse andere Täter – gelten gemeinhin als die künstlerisch interessanteren Charaktere. Dass das so ist, darf durchaus als Symptom einer patriarchalen Gesellschaft gelesen werden.

Dem setzt das Theaterkollektiv Glossy Pain am Theater an der Ruhr eine jugendliche, energiegeladene «Woyzeck»-Überschreibung entgegen. Sie holt den Plot ins Heute, die Frauenfi -guren aus dem Schatten und die Männer vom Treppchen. Ort der Handlung ist die bilinguale WG von Marie und Margret, konkret ein IKEA-naturalistischer Guckkasten von Bühnenbild -nerin Wicke Naujoks. Das entspannt liebevolle Zusammenleben der beiden Frauen beschreibt Regisseurin Katharina Stoll im Podcast zur Inszenierung als Rekurs auf das Konzept der «Radikalen Zärtlichkeit» von Seyda Kurt: füreinander zu sorgen außerhalb der Partnerschaft, «in der man häufig diese eine ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute 4 2023
Rubrik: Chronik, Seite 59
von Cornelia Fiedler

Weitere Beiträge
Theater seiner Zeit

Das 1995 im Henschelverlag erschienene Theaterlexikon der DDR würdigt den am 14. Februar dieses Jahres verstorbenen Friedo Solter als überaus vitalen, sinnlich, gestisch und sprecherisch wirkungsvollen Schauspieler und preist seine Regiearbeiten als maßstabsetzend an, «weil er auf lange Zeit einen gültigen Beitrag zur Rezeption des klassischen Erbes geleistet» und...

Alles nicht so gemeint

Erstaunliches ist der Volksbühne gelungen. Na ja, gelungen. In einem kollaborativen Kraftakt schafften es verdiente Kräfte des Hauses samt Überraschungsgästen, dem schon seit geraumer Zeit langsam, aber sicher ins Nervtötende lappenden künstlerischen Programm des Infantilisten Jonathan Meese ein nicht unerstaunliches Quantum neues Leben einzuhauchen. In gut zwei...

Arena der Bösen

Thomas Köck hat einen titelgemäßen Rache-Feldzug zusammengestellt mit einer Handvoll Figuren, Zitaten, Geschichten, Arien – von der Bibel über Shakespeare bis zu Mozart und Händel –, Jan Philipp Gloger ihn im Nürnberger Schauspielhaus als Crossover-Produktion in Szene gesetzt. Dazu holte er sich vom Opernhaus nebenan etwa die Sopranistin Andromahi Raptis für eine...