Ingolstadt: Fragmente der Furcht

Nina Segal «Big Guns» (DSE)

Theater heute - Logo

Bevor man den Theatersaal betritt, wird man erst einmal von einer Art Stewardess mit einem Detektor abgetastet. Es piepst. Später ertönt ein schriller Dauerwarnton, und alle Zuschauer müssen geordnet in Gruppen den Raum verlassen und stehen draußen herum. Auf den Dächern ringsum vermummte Gestalten mit Maschinenpistolen. Es ist kalt.

Am Ende ist der Mann mit der Knarre, von dem dauernd die Rede war, doch nicht erschienen, der Teddy bekommt den Kopf zurück, der ihm zuvor brutal abgerissen wurde, auf dem Teppich bleibt die Dreckspur rätselhaft und ein paar Erdbeeren sind an der Wand zerplatzt. 

Nina Segals Stück «Big Guns», das in Ingolstadt von Mareike Mikat deutsch erstaufgeführt wurde, baut mit zwei Figuren verschiedenste Szenarien der alltäglichen Bedrohung auf, umkreist den Schock, lockt mit der Angst, stört die Beruhigung: Nichts ist sicher, und schuld an diesem diffusen Gefühl des Ausgeliefertseins sind letztlich wir allein. «Wir erwarten Gewalt. Wir fürchten sie. Wir verstecken uns davor. Wir suchen danach. Wir schaffen sie. Wir erzeugen sie, auch wenn wir versuchen, uns von ihr abzuwenden», schreibt die britische Autorin, die 2018 für den Berliner Stückemarkt nominiert war. ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute April 2020
Rubrik: Chronik, Seite 57
von Bernd Noack

Vergriffen
Weitere Beiträge
«Wir sind die Zukunft!»

Dieser Film hat etwas Inzestuöses, und eine ganze Weile bleibt unklar, ob das jetzt eher lustig ist oder nervt. Die Schauspielerin Nina Hoss spielt die Theaterautorin Lisa, verheiratet mit einem Internatsdirektor in einem stinkreichen Schweizer Luftkurort und Mutter zweier Kinder. Sie leidet an einer Schreibblockade, seit ihr alleinstehender Zwillingsbruder Sven,...

Mannheim: Wir weben – dagegen

Manche Standard-Perspektiven, -szenen und -formulierungen verwechselt man mit der Realität, einfach weil sie wieder und wieder und wieder reproduziert werden. Aber, Überraschung, das alles ist gar nicht die Welt. Es ist ein Abbild. Ein verstaubtes, ein einseitiges, enges, ein nicht zuletzt gefährliches. Diesem zumeist männlichen, heteronormativen,...

Die deutsche Hütte

Susanne Sachsse ist irgendwie der Star des Abends: Mit ihrer Paraphrase des schwarzpädagogisch-klassischen Grimmschen Märchens vom eigensinnigen Kind, das seiner Mutter nicht gehorchte und daher auch dem Herrgott nicht gefiel, der es sterben ließ und das nach der Beerdigung im­mer wieder ein Ärmchen aus dem Grab reckt, als hätte es ihm Stephen King vorgesungen,...