Im unscharfen Zwischenraum
Am Anfang sind die schönen Bilder. Bilder von paradiesischer Natur, von farbenprächtigen Korallenriffen, von Vögeln, die über den Palmen der Marshall -inseln kreisen. Die Dokumentarfilmerin Schattenmeier ist wütend über diese Bilder, die ihr von der KI gezeigt werden, denn die Inseln sind längst und endgültig im steigenden Meer verschwunden. Und der Blaufußtölpel müsste doch ein Rotfußtölpel sein, «Blaufußtölpel kreisen über Hawaii, nicht über Bikini».
Sie hat andere Bilder im Kopf, aus kollektivem Gedächtnis und eigener Anschauung: Kriegsschiffe der US-Armee, Schiffe der deutschen Kolonialmacht, europäische Naturforscher auf «Entdeckungsreise» und einen Atompilz, dessen Licht alle anderen Bildinhalte überstrahlt und nivelliert. Den Streit gewinnt die KI, die vorhergesehen hat, dass Schattenmeier die Katastrophenszenen nicht aus -halten wird und trotz ihres Misstrauens den «schönen Bildern» gegenüber lieber in generierte Wohlfühlidylle abtauchen will: «Ich treffe Vor -aussagen. Der Film, den du heute früh gesehen hast, ist der Film, den du dir eigentlich wünschst. Den Umweg hätten wir uns sparen können.» Die Marschallinseln mit dem Bikini-Atoll sind wie eine Chiffre zweier ...
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Theater heute Jahrbuch 2023
Rubrik: Neue Stücke, Seite 158
von Remsi Al Khalisi
Verzicht als Praxis setzt Besitz als Tatsache voraus. Falls es eine einzige Regel gibt, die grundsätzlich stimmt: Je mehr jemand besitzt, desto größer sein ökologischer Fußabdruck. Besitz an Wohneigentum heißt zum Beispiel, dass man ihn beheizen muss. Besitz an Netzwerken bedeutet, dass man sie pflegen muss – indem man reist, viel reist. Logisch betrachtet gibt es...
Und natürlich könnte ich hier jetzt mit großer Geste die Utopie eines Theaters des Verzichts proklamieren. Was braucht es denn mehr als die paar Bretter, die die Welt bedeuten, und ein paar Leute, zur Not auch Lai:innen, die sich da rauf stellen, um uns hier unten zu belustigen. Wir packen ein paar Kostüme auf den Leiterwagen und ziehen los, ganz wie in alten...
Wenn du mit mir reden könntest, was würdest du sagen?», fragt Nicola ihren Freund Christof zu Beginn des Stücks. Christof ist Anfang Zwanzig, an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt und liegt im Sterben. Ein letztes Mal möchte Nicola mit ihm einen Tag verbringen – so wie früher, als er noch gesund war. Sie nimmt ihn mit auf eine imaginäre Reise an jene Orte, die ihnen...
