Das Gießkannenprinzip
Eine Bugwelle postpandemischer Theatervorhaben flutet seit Monaten die Sitzungen der Fördergremien des Freien Theaters in Deutschland. Die gute Nachricht lautet: Die performativen Künste haben die Coronakrise überlebt. Klug gestrickte Hilfsprogramme des Bundes und der Länder haben viele Theaterschaffende unterstützt, die nicht durch stabile Strukturen in Stadt- und Staatstheatern getragen wurden. Das Vergabeverfahren nach dem Gießkannenprinzip wirkt großzügig. Doch es großzügig zu nennen, offenbart den gönnerhaften Zug des gesamten Systems.
Im Freien Theater hatte das Virus eine kuriose Nebenwirkung: Es hat kurzfristig Geld in das prekäre Fördersystem gepumpt. Plötzlich bekam die Szene, was sie sich immer gewünscht hatte: Zeit und Geld, um Projek -te mal gründlich vorzubereiten und ungezwungen nachzudenken über sich, das Theater und den Rest der Welt. All dies floss schließlich in jene Welle erstklassiger Projektanträge, die sich nun landauf, landab an den Förderinstrumenten bricht. Welches dieser Theatervorhaben im Jahr 1 nach Corona tatsächlich über eine Bühne vor ein Publikum schwappen wird, ist noch nicht überall entschieden. Sicher ist jetzt aber schon, dass ein Großteil ...
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Theater heute Jahrbuch 2023
Rubrik: Knappheit - alles auf Kante, Seite 25
von Jens Roselt
Das Deutsche Theater Berlin ist das «Theater des Jahres»! 10 von ingesamt 46 Kritiker:innen gaben dem ehrwürdigen Haus in der Reinhardtstraße ihre Stimme, weit vor den beiden Zweitplatzierten Staatsschauspiel Dresden und dem Maxim Gorki Theater mit jeweils 3 Stimmen. Oder haben sie insgeheim den Intendanten geehrt, den sich nun doch noch nicht ganz in den Ruhestand...
Verzicht als Praxis setzt Besitz als Tatsache voraus. Falls es eine einzige Regel gibt, die grundsätzlich stimmt: Je mehr jemand besitzt, desto größer sein ökologischer Fußabdruck. Besitz an Wohneigentum heißt zum Beispiel, dass man ihn beheizen muss. Besitz an Netzwerken bedeutet, dass man sie pflegen muss – indem man reist, viel reist. Logisch betrachtet gibt es...
Mich persönlich hat die Corona-Pandemie vor dem Burnout bewahrt. Ich war zu dieser Zeit mit so vielen Projekten gleichzeitig beschäftigt, dass es diese höhere Gewalt brauchte, um anzuhalten. Ich habe – auch während Corona – nicht wenig gearbeitet, hatte Glück, dass keines meiner Projekte abgesagt (nur verschoben) wurde, wie es vielen anderen Kolleg:innen passierte,...
