Im Regal sind alle gleich

Der Dramatiker des Jahres, Lukas Bärfuss, war schon Tabakpflanzer, Comicsbuchhändler und Mitbegründer der freien Theatertruppe 400asa, bevor seine Stücke die Bühnen von Basel bis Hamburg eroberten. Seiner Passion fürs Widersprüchliche ist er dabei treu geblieben

Theater heute - Logo

Der Wärmetod, dem nicht nur laut Lukas Bärfuss unser Universum unvermeidlich entgegensteuert, erscheint an diesem Zürcher Sommertag geradezu greifbar. Das Thermometer zeigt satte 38°C an, kein Lüftchen weht, und selbst im schattigen Hof des Schweizer Landesmuseums steht den Servicekräften, die gemächlich eine Armada von Champagnergläsern nachpolieren, der Schweiß auf der Stirn. Dabei meint Wärmetod gar nicht den schieren Hitzschlag, sondern maximale Entropie: das Ende aller Form und Bewegung.

Der Schriftsteller und Dramatiker Bärfuss hingegen wirkt gänzlich unverschwitzt, wenn er von Thomas Pynchons früher Erzählung «Entropy» schwärmt, die für ihn eine große Rolle gespielt habe. Darin belegen schwer berauschte Partygäste und ein durchgeknallter Hobbygärtner in einem New Yorker Mietshaus den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik: Jeder Versuch, Ordnung zu schaffen, vergrößert das Chaos. Paradoxa wie diese, literarisch durchgeführt, begeistern Lukas Bärfuss, der als frisch gebackener Vater den Beweis dieses Satzes gerade täglich erfährt. 

Bärfuss’ Leidenschaft fürs Widersprüchliche ist aber nicht nur bei Lektüreerfahrungsberichten ergiebig. Sie hat auch dazu beigetragen, dass der ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2005
Rubrik: Autoren des Jahres, Seite 82
von Eva Behrendt

Vergriffen
Weitere Beiträge
39 Kritiker nennen Höhepunkte der Saison 2004/2005

 

 

Mörderisch stark, tödlich verletzt

Draußen vor der Tür versteigert der fast schon gewesene Intendant die Resterampe: Rutschen, Pappmachéwolken, -panzer, -brote, rote Pfeile mit Glühbirnchen, Zebrapuffs von Pollesch. Drinnen weint seine Protagonistin. Aber erst kassiert sie: 1 Euro pro Zuschauer, der dafür 60 Sekunden lang Wiebke Puls und das große Haus des Deutschen Schauspielhauses Hamburg ganz für...

Die neue Klassengesellschaft?

+ Während sich Arm und Reich in Deutschland wieder schärfer trennen und neu sortieren, müssen sich auch die Bühnen altneuen Fragen stellen. Warum kommen immer dieselben Häuser zum Berliner Theatertreffen? Wie gut und ambitioniert ist das Schauspiel in der sogenannten Provinz? Welche Dynamik hat die deutschsprachige Bühnenszene in den letzten Jahren erfasst? Ob wir...