Herzensergießung und göttlicher Zorn

nach Dostojewski «Der Idiot» in Oberhausen

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Romanadaptionen kränkeln häufig daran, dass sie sich mit dem Nacherzählen begnügen; die Schauspieler fungieren halb als Erzähler, halb als Rollenträger: Es sind die vielgeliebten Märchenstunden des zeitgenössischen Theaters. Der oft verkannte ukrainische Regisseur Andriy Zholdak dagegen macht keine halben Sachen; er haut nicht nur auf die Pauken, er stößt auch in die Trompeten. Bildlich und buchstäblich: Laute, enervierende Musik gehört unbedingt dazu. Aber was für eine Energie steckt in diesem Dostojewski-Abend! Vier Stunden voller Spiellust, voller Wehmut, voller Anarchie.

Fürst Myschkin, den alle für einen Idioten halten, weil seine Sanftmut und seine Offenheit nicht von dieser Welt sind, verliebt sich in zwei Frauen gleichzeitig – und das ganz ohne Arg. Aglaja, die jüngste Tochter eines Generals, ist hübsch, lieb und klug. Nastassja Filippowna, das sexuell missbrauchte «Ziehkind» eines Lebe­manns, ist launisch, impulsiv, unberechenbar. Einmal – eine tolle Szene – wirft sie 100.000 Rubel in einen Ofen, um zu sehen, welcher ihrer Verehrer sich die Finger verbrennt, um sie zu erobern. Myschkin ist hin- und hergerissen zwischen Aglajas warmer Vernunft und Nastassjas herausfordernder ...

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Theater heute Dezember 2011
Rubrik: CHRONIK, Seite 50
von Martin Krumbholz

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