Grundlegende Unschärfe
Ein Gespenst geht um in der Schweiz – das Gespenst des Wilhelm Tell. Des Nationalhelden als Freiheitskämpfer, der sich mutig dem fremden Vogt entgegenstellt und dem Hut auf der Stange frech den Gruß versagt. Ein Vorbild für alle unbeugsamen Schweizerknaben, mit nur einem Nachteil: Es ist eine Mystifikation. Tell ist kein Résistance-Kämpfer, kein Rebell und schon gar kein Revolutionär. Eher ein nicht gerade sozialer Eigenbrötler und Wilderer, ein Drückeberger, der sich aus fremden Händeln lieber heraushalten möchte.
Den legendenbildenden Apfelschuss muss ihm sein Walterlein regelrecht aufschwatzen. Den Freiheitsbund am Rütli schließen andere. Tell ist ein Held contre-cœur, Schiller streicht es in seinem Drama deutlich heraus, und spätestens seit Max Frischs «Wilhelm Tell für die Schule» (1971) hat es sich eigentlich auch bei Nicht-so-Theatergängern herumgesprochen.
Gleichwohl geistert der Freiheitskämpfer Tell als Fantasma durch die Schweizer Popu -lärkultur. Der Regisseur Milo Rau hat für seine «Tell»-Inszenierung am Zürcher Schauspielhaus Castings veranstaltet und die Kandidat:innen gefragt, was für sie «Freiheit» bedeute und was ihnen die Tell-Figur heute sage. Aber auch, was ...
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Theater heute 6 2022
Rubrik: Aufführungen, Seite 10
von Andreas Klaeui
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