Foto: Schauspiel Graz
Graz: Wo geht’s hier zum Roter Faden?
Obwohl Tomer Gardi die deutsche Sprache nicht wirklich beherrscht, hat er seinen Roman «Broken German» (Droschl 2016) auf Deutsch geschrieben. So sieht er auch aus: Grammatikalisch und orthografisch stellt der Text den Albtraum jedes Deutschprofessors dar, und wir haben es hier auch nicht mit einem Jargon à la «Kanak Sprak» zu tun. Stilistische Gesetzmäßigkeiten sind nicht zu erkennen; wenn Fall, Artikel oder Syntax ausnahmsweise einmal korrekt sind, ist das anscheinend reiner Zufall. Als der israelische Schriftsteller (geb.
1974) mit einem Auszug aus dem Roman 2016 am Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis antrat, führte das in der Jury prompt zu einer Grundsatzdebatte: Inwiefern ist Sprachkenntnis Voraussetzung für die Teilnahme an einem Literaturwettbewerb?
Außer Frage steht, dass Tomer Gardi ein ebenso gefinkelter wie gewitzter Autor ist. Auf den ersten Blick wirkt der großteils in Berlin situierte Roman «Broken German» wie eine recht lose Sammlung verschiedener kurzer Erzählungen; diese aber werden durch ein ziemlich komplexes Konzept zusammengehalten – nicht zufällig ist eine Bar namens «Zum Roter Faden» ein Hauptschauplatz. Zwei Erzählstränge ziehen sich durch das Buch. ...
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Theater heute Februar 2018
Rubrik: Chronik, Seite 50
von Wolfgang Kralicek
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