Früchte des Ressentiments
Jago legt gleich richtig los, während Venedigs gute Gesellschaft aufgekratzt und mit gefrorenem Lächeln in Endlosschleife über einen Laufsteg sprintet. Er schnappt sich das Mikro, das am langen Seil aus dem Bühnenhimmel baumelt, und donnert sein Leitmotiv in den Raum: «Ich hasse den Schwarzen! / Der Schwarze muss weg.» Sein Einsatz ist die zweite Wortmeldung des Abends; zuvor hatte der Doge in drei Sätzen das «venetianische Prinzip» erklärt.
Denn die Spielregeln in dieser Stadt sind einfach: Freiheit und Rechtssicherheit für alle Fremden – ökonomisch, kulturell und religiös –, aber letztlich nur, solange sie nicht stören und dem Handel nützen.
Der Test für diese Ansage folgt auf dem Fuß. «This is Venice» verschneidet in ausgeklügelter dramaturgischer Kleinarbeit und Neuübersetzung (Elisabeth Bronfen zusammen mit Bühnenbildnerin Muriel Gerstner) Shakespeares Fremden-Dramen «Othello» und «Der Kaufmann von Venedig» als Breitwandpanoramen venezianischer Gesellschaft – ihrer Liberalität und deren Grenzen. Die verbindende Idee: Der Schwarze Othello darf problemlos und gegen dessen erbitterten Widerstand die Tochter des einflussreichen Senators Brabantio heiraten, solange ihn Vendig als ...
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Zum Schluss winkt Medea mit ihrer neuen Familie ins Publikum, nicht triumphierend, sondern – so scheint es zumindest – ganz einfach glücklich. Mit Aigeus, dem König von Athen, hat sie zwei Töchter, ungefähr so alt wie die beiden Söhne, die sie eine Szene vorher sanft und sachlich erstochen hat. Ihr ist gelungen, was auch ihr Ex Jason vorhatte, ein neues Leben...
Bevor man den Theatersaal betritt, wird man erst einmal von einer Art Stewardess mit einem Detektor abgetastet. Es piepst. Später ertönt ein schriller Dauerwarnton, und alle Zuschauer müssen geordnet in Gruppen den Raum verlassen und stehen draußen herum. Auf den Dächern ringsum vermummte Gestalten mit Maschinenpistolen. Es ist kalt. Am Ende ist der Mann mit der...
Ich sitze in der letzten Maschine aus Teheran. So sieht es aus. Den Flughafen habe ich immer gehasst. Der Teheraner Flughafen IKA, weit entfernt von der Stadt in einer Wüstenlandschaft, hat nichts zu tun mit dem Teheran, das ich kenne, ist aber meine Verbindung in den Iran. Heute Nacht kriegt er von mir mehr Mitleid als Hass. Denn nun sitze ich neben vielen Iranern...
