Entfesselt
Der Wiener Schauspieler und Komödienautor Ferdinand Raimund (1790–1836) war Nestroys melancholischer Bruder. Von seinen acht Stücken sind drei mehr oder weniger im Repertoire geblieben, vor allem «Der Alpenkönig und der Menschenfeind» mit seiner psychoanalytisch angelegten Dramaturgie wird dann und wann aus der Schublade geholt. Die übrigen Raimund-Dramen aber sind eigentlich nur noch für die Theaterwissenschaft relevant.
«Die gefesselte Phantasie» etwa war schon bei der Uraufführung 1828 kein Erfolg.
Warum das Burgtheater das «Original-Zauberspiel in zwei Aufzügen» trotzdem auf den Spielplan gesetzt hat? Die Antwort lautet: Herbert Fritsch. Dem Nonsens-Virtuosen war es zuzutrauen, dem kuriosen Künstlerdrama zu neuem Bühnenleben zu verhelfen. Schauplatz der «Gefesselten Phantasie» ist die von Königin Hermione (Maria Happel) regierte und von lauter Poeten bewohnte Blumeninsel Flora, deren idyllischer Friede von zwei «Zauberschwestern» mit den sprechenden Namen Vipria und Arrogantia (Sarah Viktoria Frick und Elisa Plüss) bedroht wird. Die beiden kidnappen die Phantasie und versetzen die dichtenden Insulaner damit in eine kollektive Schreibkrise.
Was Raimund von seinem Zeitgenossen ...
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Theater heute Juni 2023
Rubrik: Chronik, Seite 61
von Wolfgang Kralicek
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