Eine Puppe als Mann

Anne Leppers «Mädchen in Not» (der vollständige Stückabdruck liegt diesem Heft bei) zeigt Lösungen für Geschlechterverhältnisse und arbeitet am mechanisierten Glück

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Sie erhielt den Dramatikerpreis bei den Mülheimer «Stücken» 2017: Anne Lepper für «Mädchen in Not» in der Mannheimer Inszenierung.

In ihren Studienjahren hatte sie sich schon mal bis nach Köln, Bonn und Bern vorgewagt, dann aber ging sie dorthin zurück, wo sie herkam: nach Wuppertal. Zeigt Anne Lepper sich heute auf einem Podium, ist der diskursive Ertrag der Veranstaltung eher überschaubar, sitzt da doch eine scheue und zuweilen auch etwas störrische Autorin.

Etwas von dieser Mischung aus Zurückhaltung und Verweigerung haben so gut wie alle Protagonisten ihrer Stücke, sei das nun der pummelige Leo in «Seymour oder Ich bin nur aus Versehen hier» oder der nicht wirklich auf der Sonnenseite des Planeten geborene Balljunge im Tennis Court aus «La Chemise Lacoste». 

Jedenfalls bislang war das so. In Mannheim, wo es jetzt die Uraufführung von «Mädchen in Not» zu sehen gab, fühlte sich das schon anders an. Anne Leppers aktuelle Protagonistin heißt Baby und ist nicht ganz so in Moll gestimmt wie die Jungs in früheren Stücken. Plötzlich ist da eine junge Frau, die sich den Ritualen des Erwachsenenlebens und dem Zwang zur körperlichen Selbstoptimierung entziehen möchte. Ihr Mittel der Wahl: Sie verweigert sich der Männerwelt, und es sieht so aus, als könne sie sich das locker leisten. Baby ist ein verwöhntes Mädchen aus einem wohlhabenden Elternhaus und so eine Art postfeministische Antwort auf Paris Hilton. Ihre literarischen Vorbilder: Georg Büch­ners renitente Königskinder Leonce und Lena, die die Zwänge royaler Elternhäuser hinter sich lassen wollten, dummerweise aber in einer künstlichen Welt des maschinellen Wohlgenusses landeten. 

Das mechanisierte Vergnügen

Bei Büchner träumten Jugendliche von einem Leben jenseits der Sachzwänge des Erwachsenenlebens. Bei Anne Lepper träumt Baby von einer Zweisamkeit des mechanisierten Vergnügens, und sie weiß auch ziemlich genau, wie das funktionieren könnte: «Ich will sofort eine Puppe als Mann.» Denn: «Mit einer solchen Puppe als Mann könnte ich ein Leben führen das ich mir ausgesucht habe in dem ich alles selbst bestimmen kann.» Sie meint das wörtlich und lässt sich beim besten Puppenbauer der Stadt, Herrn Duran-Duran, einen mechanischen Mann bauen. Eigentlich könnten die beiden in einer Idylle der mechanischen Zweisamkeit leben, bis dass der Akkutod sie scheidet. Da alleine eine eloquente Verweigerungshaltung aber noch kein Drama macht, erweitert Lepper ihr Stückpersonal. Babys Mama zum Beispiel nervt wie alle Mütter. Das Mädel, so die ewige Leier, brauche «einen echten Mann und zwar noch heute!» Weil: «die Nachbarn! die Nachbarn!» 

Mit dabei ist auch Babys Freundin Dolly, bislang ungeküsst und zu allem bereit, interessierte sich nur endlich ein Mann für sie. Die aber glotzen immer nur in Richtung Baby, die zu allem Überfluss auch noch von einer mafiösen «Gesellschaft der Freude des Verbrechens» umgarnt wird. Man ahnt: Dahinter steckt der patriarchale Staat, der die Hirtenhunde ausschwärmen lässt, auf dass sich das renitente Schaf wieder in die Herde des heterosexuellen Begehrens einreihe und so funktioniere, wie Franz und Jack das gerne hätten. Babys «offizieller» und «inoffizieller» Mann veranstalten so gut wie alle von der Natur vorgesehenen Turnübungen, um an Baby ran zu kommen. Die aber meint, alleine wegen eines Orgasmus’ werde sie sich nie mehr einem fremden System unterordnen.

Anne Leppers jüngster Theatertext ist ziemlich witzig. Babys Ausbruchsversuch auf dem Trampelpfad in die selbstbestimmte Einöde eines bindungslosen Glücks mit Puppe produziert einiges an Situationskomik. Ihre Verehrer Franz und Jack zum Beispiel werden nicht abgeschreckt, Babys Gespreiztheit stachelt sie eher eher an. Geht dem heterosexuell fixierten Mann die Frau aus, schwankt er zwischen Verlustangst, Imponiergehabe und Jagdinstinkt.

Baby werde noch winseln, dass er sie wieder zurücknehme, meint Jack. Franz würde das gerne auch so sehen, tendiert aber doch mehr in Richtung Liebeskummer. In einem sind sie sich einig: Man müss­te diesem seltsamen Spiel einen weiteren Dreh geben. Franz, so der Plan, soll sich selbst in eine Puppe verwandeln lassen. Dieser Franz-Puppe werde Baby bestimmt schnell überdrüssig, und dann kehre sie zurück zum echten Franzmann – und vielleicht auch zum Zweitmann Jack. 

Angewandte Puppenpraxis

Anne Leppers Sprung in die Untiefen einer Freiheit jenseits aller heterosexuellen Bindungen ist ein bemerkenswerter Text, aber auch eine Her­ausforderung für Regisseurinnen und Regis­seure. Zum einen ist da diese «Gesellschaft der Freunde des Verbrechens», die immer wieder wie ein Fremdkörper ins Geschehen knallt. Die eigentliche Frage dürfte aber sein, mit welch inszenatorischer Setzung die Regie auf Anne Leppers Fantasie einer künstlichen Puppenwelt reagiert. Dominic Friedel, der mit einer Inszenierung von «Seymour oder Ich bin nur aus Versehen hier» am Theater Bern schon einmal ein Händchen für Lepper-Texte gezeigt hat, siedelt das Stück konsequent in einer Puppenwelt an. Alle Schauspielerinnen und Schauspieler tragen Pappköpfe und trippeln wie ferngelenkte Wesen durch das Stück. Der Effekt aber ist leider wenig hilfreich. In Mannheim wird aus Anne Leppers Kunstwelt ein verkünsteltes Bühnenballett mit einem melodramatisch sprechenden Spielpersonal. Die gute Nachricht für alle Lepper-Liebhaber: Das «Mädchen in Not» ist noch zu haben. Es wartet sehnsüchtig auf weitere Regieverführer. 

 

www.nationaltheater-mannheim.de

 


Theater heute Juli 2016
Rubrik: Aufführungen, Seite 18
von Jürgen Berger

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