Dresden
Bis dato hatte die Generalstochter Hedda Gabler relativ ruhig zugehört, als ihr Mann von temporären Entbehrungen sprach. Aber dass sie allen Ernstes auf ihre Pilates-Stunden verzichten soll, nimmt sie ihm jetzt wirklich übel. Unter diesen Umständen, teilt Hedda dem mediokren Kulturhistoriker mit, der auf den letzten Metern an einer sicher geglaubten Professur zu scheitern droht, bliebe ihr tatsächlich nur noch ein akzeptabler Zeitvertreib: die Waffen ihres Vaters.
Auf diesen Paradigmenwechsel müsste Jörgen Tesman am Staatsschauspiel Dresden eigentlich gut vorbereitet sein.
Denn schon lange geht seine Gattin einem verwegenen Hobby nach: Nahezu abendfüllend hockt sie in Karoly Risz’ minimalistischer Salonbühne auf einem restbürgerlichen Flügel und spielt – der Beamer war im Hause Tesman glücklicherweise schon vor dem Karriereknick angeschafft worden – eher unbourgeoise Ego-Shooter-Spiele, die in XL-Größe auf eine sonst gern als Spiegel fungierende Wand projiziert werden.
Dabei verkörpert Frau Gabler-Tesman gleichsam den Beweis der medienpädagogischen These, dass die Wurzel allen jugendlichen (Amok-)Übels im virtuellen Kriegsspiel zu suchen sei. Denn lieber noch als auf Avatare ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute März 2012
Rubrik: Chronik, Seite 47
von Christine Wahl
In der «Zeit» hat sich der Autor F.K. Mafhys einmal grundlegende Gedanken darüber gemacht, ob der Sport in Shakespeares Leben und Stücken eine besondere Rolle spielt. Sieht man davon ab, dass für den Dichter auch schon Bärenfang oder die Jagd von Fischen, Hasen und Fasanen zum leibesertüchtigenden Zeitvertreib zählten, so finden sich in den Dramen doch tatsächlich...
Vermutlich lässt sich in keinem anderen Medium das Nützlichkeitsdenken besser und paradoxer verhandeln als im Theater. Denn dessen Erzeugnisse kann man bekanntlich nicht ins Regal stellen und nicht an die Wand hängen, sie werden nie im Leben einen aktienähnlichen Wertzuwachs erleben, und das Abo im Stadttheater befördert heute nicht mal mehr den sozialen Status....
Was für eine Männerfreundschaft! Da stehen sie dicht voreinander, Orgon und Tartuffe, blicken sich tief in die Augen und schütteln sich vor Lachen, genauer: vor Lachyoga. «Wer seiner Lehre folgt, empfindet tiefsten Frieden», frohlockt der Hausherr. Er ist dem Guru Tartuffe samt dessen Glücksverheißungen aus fernöstlichen Entspannungs–techniken und Voodoo-Klimbim...
