Diverse Heimatszenen
Wer wissen will, wie es um das deutsch-türkische Verhältnis steht – sowohl unter Deutschen und Türken wie unter Deutschtürken – der ist in der Kölner Keupstraße am richtigen Ort. Gleich nebenan, im Depot des Kölner Schauspiels, hat Nuran David Calis ein Sequel seiner szenischen Interkultur-Recherchen «Die Lücke» (2014) und «Glaubenskämpfer» (2016) aufgelegt, das unter dem Eindruck des türkischen Verfassungsreferendums etwas anders ausgefallen ist als geplant.
Das bei allen Unterschieden bisher doch ziemlich heimelige gegenseitige Verstehenwollen zwischen den Communities wird in «Istanbul» einem gründlichen Stresstest ausgesetzt.
Zunächst bestimmen Menschenrechtsverletzungen den Common Ground. Auf die eindrucksvolle Verlesung eines Briefs der vorläufig freigelassenen Schriftstellerin Arsli Erdogan folgt ein nicht weniger ergreifender Haftbericht von Dogan Akhanli. Er war nach dem Militärputsch 1980 als Kommunist verhaftet und gefoltert worden, konnte mit seiner Familie 1991 nach Deutschland fliehen und lebt als Schriftsteller in Köln. 2010 wurde er am Istanbuler Flughafen wieder festgenommen, als er seinen sterbenden Vater besuchen wollte, und kam erst nach Monaten durch ...
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Theater heute Juli 2017
Rubrik: Neue Stücke, Seite 27
von Franz Wille
Unter Tage wird geschuftet. Nähmaschinen rattern, Zuschneideapparate kreischen, Ventilatoren surren, und aus dem fensterlosen Lagerhintergrund dringen diffuse Dröhn- und Stampfgeräusche. Neonröhren und vergitterte Fernsehbildschirme, über die der tschechische Trickfilm «Der kleine Maulwurf» flackert, spenden fahles Licht, zwischen Tischen und Raumteilern,...
Als Tankred Dorst schon fast 90 Jahre alt war, 2014, sagte er ganz nebenbei Abschließendes zu jedem überflüssigen Streit über Schauspieltheater oder Performance: «Als ich anfing, Stücke zu schreiben, zu Beginn der 60er Jahre, waren die Grenzen der Darstellung viel enger. Wenn ich mich dagegen heute umschaue, dann sehe ich eine hohe Qualität in einem freien Umgang,...
Ein Afrikanerjunge liegt reglos auf weißem Grund. Was fehlt ihm nur? Unwillkürlich springt die Assoziationsmaschine im Zuschauerhirn an. Da liegt ein Flüchtlingskind, ertrunken am Strand, verdurstet in der Sahara, erschlagen am Straßenrand. Armer kleiner Kerl.
Ein beleibter Weißer setzt sich an den Rand der Szene, knackt eine Schokoladentafel, vertilgt sie wie...
