Bremen: Was Sie sich wieder zusammenreimen!

Tom Lanoye «Gas – Plädoyer einer verurteilten Mutter» (DE)

«Einfach ist der Kampf der Generationen sowieso nie.» Die Mutter starrt ins Leere, desillusioniert, einsam; sie hat die Vorstellung aufgegeben, Einfluss auf ihren pubertierenden Sohn zu haben. Auf ihren Sohn, der sich falsche Freunde gesucht hat, der sich radikalisiert hat, im Internet, wo auch immer, man weiß so wenig. Jedenfalls: Der Sohn hat einen Anschlag verübt, in der U-Bahn, Nervengas, 30 Verletzte, 184 Tote, davon 70 Schüler, 20 Kinder. Und die Mutter sitzt jetzt da, erschüttert, verstört, nicht fähig zu trauern.

Tom Lanoyes «Gas – Plädoyer einer verurteilten Mutter» ist ein schwieriger Theatertext. Ein langer Monolog, in dem die Mutter sich erklärt, ihre Unsicherheit formuliert, ihre Angst, ihre Schuldgefühle, ihre Rechtfertigungen. «Was habe ich falsch gemacht?» Aber: Der Text hat eigentlich keinen Adressaten, man weiß nicht, in welcher Situation die Frau spricht. Ein «Plädoyer» ist «Gas» jedenfalls nicht, auch wenn der Untertitel das nahelegt, dazu fehlt das Gegenüber, jemand, vor dem sich die Protagonistin verteidigt. Und eine Theatersituation ist es ebensowenig, auch wenn das Publikum ein-, zweimal direkt angesprochen wird. Der Text lässt einen alleine, man muss eine ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juli 2017
Rubrik: Chronik, Seite 61
von Falk Schreiber

Weitere Beiträge
Stuttgart: Welche Krise?

Wenn Kasimir heuzutage wählen könnte, würde er vermutlich AfD wählen. Gerade arbeitslos geworden inmitten einer Wirtschaftskrise, fressen sich Selbstmitleid, Hass und Neid in seine Gedanken. Die da oben, wir da unten. Und wenn Perspektive und Möglichkeiten fehlen, ist man natürlich nicht liberal drauf. Auch nicht in Stuttgart. Wo sich zu Beginn von Stefan Puchers...

Schöne Augen und politische Tiere

Sköne Oke» radebrecht der unheimliche italienische Händler, als er Brillen verkaufen will. Schöne Augen macht auch Robert Wilson dem Publikum in seiner Version von E.T.A. Hoffmanns Gruselgeschichte vom armen Nathanael.

Die Mutter erzählt ihm das Ammenmärchen vom bösen Sandmann, der den Kindern die Augen stiehlt, wenn sie nicht schlafen wollen. Der Vater stirbt bei...

Basel: Drei Meilen hinter Weihnachten

Zwei Stücke hat Philipp Löhle bereits geschrieben, in denen er uns die normative Sozialisation eines Sohnes und einer Tochter vor Augen führte. In «Du (Normen)» und «Du (Norma)» war man Zeuge artspezifischer Lebensläufe und bis zur Kenntlichkeit entstellter Familienstrukturen. Um Familie geht es auch jetzt. Wir sehen: einen Vater, eine Mutter, den Sohn, die...