Die letzte Bastion
Traut sitzt die Familie vorm Fernseher. Die Gesichter im «geschmackvoll ausgeleuchtet(en)» Wohnzimmer illuminiert «wie auf einem Gemälde von Bellini», erwartet sie den Ehemann beziehungsweise Vater – Jan – auf dem Flatscreen, und zwar in seiner Premierenrolle als Boulevardmoderator: Kathrin mit entsprechender Gattinnen-Nervosität («Wie würde ihr Mann sich präsentieren?»), die Teenager-Kinder Lale und Severin wie «bleiche Marionetten» in die «Sitzecke» gequetscht.
Zwar weiß man in dieser Eingangsszene des neuen Romans von Thomas Melle noch nichts von der Swingerparty in der Cineasten-Peergroup, zu der Kathrin einige Seiten später aufbrechen wird. Und man kennt auch die anonymen Nachrichten noch nicht, die alsbald auf Jans Handy aufploppen. Fest aber steht bereits hier: Es kann nur bergab gehen. Und zwar steil.
Natürlich ist «Das leichte Leben» nicht der erste Text, der das Kulturmilieu unserer Gesellschaft der Singularitäten unter die Lupe nimmt, auch nicht der erste von Thomas Melle. Und zweifellos besitzen die abstiegsbegleitenden Topoi, derer er sich bedient, ebenfalls längst Klassiker-Status: innereheliches Sex-Ende nebst außerehelicher -Anbahnungsfantasien, Affären (ja, auch ...
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Theater heute März 2023
Rubrik: Magazin, Seite 67
von Christine Wahl
Saioa Alvarez Ruiz, 32, sitzt nach 2 Stunden, 40 Minuten Tanzen, Strippen und Schwimmen in «Ophelia’s Got Talent» im Foyer der Berliner Volksbühne und wirkt so energiegeladen, als wäre sie gerade erst aufgestanden.
Anna Fastabend Wie geht es Ihnen, Frau Alvarez?
Saioa Alvarez Ruiz Gut. Ich bin glücklich und wieder warm nach der heißen Dusche, die sehr nötig war.
Unter all den oft sehr lauten Gefühlsausbrüchen auf einem Spielplatz ist auch dieser leise Angstmoment: wenn eine Schaukel in vollem Schwung nach hinten saust, am höchsten Punkt entgegen jeder Logik kurz verharrt, wenn der Blick fast senkrecht in den sandigen Boden fällt, die Ketten in den Händen plötzlich nicht mehr ganz gespannt sind und der Sitz leicht nach...
Die Tür klemmt, fliegt dann mit einem Ruck auf, ein Knäuel Personen poltert in die leere Altbauwohnung, die Letzte bleibt mit ihrer Handtasche am Türknauf hängen. Huch! In der ersten Sekunde ist eigentlich alles klar über diesen Abend, «Der Haken», uraufgeführt am Schauspiel Bonn in der Regie von Roland Riebeling: Schauspielerisch sind alle ständig etwas drüber,...
