Der Tod, die Welt und mehr
Der Sylter FDP-Abgeordnete Lütje Wesel hat ein kleines Problem. Er ist zwar ein begnadeter Wahlkampfredner, unverzichtbar für seine Partei im gerade heißlaufenden Kommunalwahlendspurt, denn er kann die Leistungsträger-Sprüche seiner Partei herbeten, dass man fast noch dran glauben könnte. Aber – er ist inkontinent. Wie bei vielen Spitzenkräften legt sich der Körper quer zum Highperformer. Besonders am rhetorischen Höhepunkt seiner Rede läuft die Blase leer.
Vincent Redetzki, eben noch stahlharte Wahlkampfparole im Maßgeschneiderten mit klobiger Markenuhr am Handgelenk, zeigt unmittelbare Wirkung: Er sinkt am Stück zur Seite.
Damit beginnt Nora Abdel-Maksouds «Doping» (der Stückabdruck liegt diesem Heft bei), eine schnell hochdrehende Komödie ums Leistungsprinzip und seine Folgen, späte Wiedergeburt jener Screwball-Hollywood-Filmkomödien aus den dreißiger und vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts, in denen sich bei rasantem Dialogtempo immer wilder verschraubende Plots über finanziell meist unabhängiges Personal zur Zeit der Weltwirtschaftskrise hermachen. Man denke an «Leoparden küsst man nicht». Das klappt auch heute wieder ganz prima.
Nur zur notdürftigen ...
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Theater heute Juni 2024
Rubrik: Neue Stücke, Seite 6
von Franz Wille
Ein Sarg. Und ein Grab. Zwei Orte der Begegnung mit den Eltern, zwei Orte der Erforschung ihrer Lebensgeschichten in und für Deutschland (wie so viele Berliner Theaterabende in dieser Saison deutsche Familienbilder zeichnen). Die Gräber sind offen, die Ahnen untot. Ihr Denken, Fühlen und Handeln hat die Nachgeborenen tief geprägt.
Es sind zwei Theaterabende im...
3.6./MONTAG
22.05, arte: Kennen Sie Kafka?
Tschechische Republik 2024, Regie Pavel Šimák Die Dokumentation zeichnet ein Porträt des Schriftstellers Franz Kafka, gestützt auf jüngste Recherchen und bisher unveröffentlichtes Archivmaterial. Kafka-Biograf Reiner Stach liefert Fakten, die das Bild vom introvertierten Intellektuellen und blassen städtischen Exzentriker...
Stalin sitzt breitbeinig im Dampfbad. Unter seinem Handtuch wuchert ein Penismonster hervor, träge wie eine Würgeschlange. Ein groteskes Attribut der Tyrannenmacht. Holger Kunkel trägt das Geni-Teil angemessen selbstgefällig zur Schau, er verkörpert hier im Freiburger Großen Haus ja auch den obszönsten Grobian, unter dem die Sowjetunion im 20. Jahrhundert...
