Der terroristische Zuschauer

Quentin Dupieux’ Film «Yannick» spielt im Theater – und handelt von einem Zuschauer, der eine Vorstellung in Geiselhaft nimmt

Theater heute - Logo

Theaterkritik gone mad: Mitten in der Vorstellung steht ein eher junger Mann auf und beginnt, sich erst zu beschweren, dann mit den drei Darsteller:innen auf der Bühne zu diskutieren. Über das damit natürlich unterbrochene Stück, das ihn nicht hinreichend unterhält. Darüber, dass der Weg für ihn weit war, dass er sich den Abend extra frei nehmen musste, er sei nämlich Nachtwächter auf einem Parkplatz. Er will den Chef sprechen, der das alles verantworte.

Wie, der ist gar nicht vor Ort? In einem guten Restaurant wäre das ja wohl ein Unding! Aus dem Rest des Publikums, die Reihen sind recht schütter besetzt, erklingt langsam Murren. Bevor der Streit vollständig eskaliert, verlässt der Mann, der sich als Yannick vorgestellt hat, den Raum. Er bekommt jedoch mit, dass die Darsteller:innen auf der Bühne nach seinem Abgang nicht weiterspielen, sondern klassistische Witze auf seine Kosten reißen – und plötzlich Gelächter ernten. Er kehrt zurück, in der Hand nun einen Revolver.

Das nicht sehr große Theater, plüschig im klassischen Stil, liegt in Paris, das Stück, das gespielt wird (was man hört, hat der Regisseur und Autor des Films Quentin Dupieux höchstpersönlich verfasst), heißt «Le ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juni 2024
Rubrik: Magazin, Seite 69
von Ekkehard Knörer

Weitere Beiträge
Moskauer Machtzirkus

 

Stalin sitzt breitbeinig im Dampfbad. Unter seinem Handtuch wuchert ein Penismonster hervor, träge wie eine Würgeschlange. Ein groteskes Attribut der Tyrannenmacht. Holger Kunkel trägt das Geni-Teil angemessen selbstgefällig zur Schau, er verkörpert hier im Freiburger Großen Haus ja auch den obszönsten Grobian, unter dem die Sowjetunion im 20. Jahrhundert...

Der Tod, die Welt und mehr

Der Sylter FDP-Abgeordnete Lütje Wesel hat ein kleines Problem. Er ist zwar ein begnadeter Wahlkampfredner, unverzichtbar für seine Partei im gerade heißlaufenden Kommunalwahlendspurt, denn er kann die Leistungsträger-Sprüche seiner Partei herbeten, dass man fast noch dran glauben könnte. Aber – er ist inkontinent. Wie bei vielen Spitzenkräften legt sich der Körper...

Doppelte Travestie

Ist George Orwells dystopisches Romanmärchen «Farm der Tiere» theatertauglich? Oliver Frljic hat jetzt am Stuttgarter Schauspiel eine eigene Bearbeitung auf die Bühne gebracht – unseren Zeiten angepasst, das Original eingeschmolzen, den Plot verändert. Der Stoff ist und bleibt so oder so aktuell, keine Frage. Es ist überzeitlich plastisch, wie genau Orwell das...