«Der Rest ist echt»
In Karin Beiers Inszenierung von Elfriede Jelineks großer Abrechnung mit der Pandemie – oder vielmehr: mit uns Menschen, uns als Gesellschaft in der Pandemie –, in «Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!» also gibt es einen Moment, in dem die Schauspielerin Julia Wieninger aus allen Rollen zu fallen scheint. Bis zu diesem Punkt sah sie wie ihre fabelhaften Kolleginnen Josefine Israel, Eva Mattes und Angelika Richter aus wie ein Alien mit gigantischen Daunenjacken, Pelzkappen, Moon-Boots gerüstet und trug die Sonnenschutz-Zinkcreme zentimeterdick auf den aufgespritzen Lippen.
Als mondäne, in ihrer Konsumlust obszöne Skihäsin in einer Tiroler Spaßscheune packte sie bergeweise Amazonpakete aus. Als Kirke – denn Jelinek verschneidet ihre Corona-Farce mit Motiven aus der Odyssee – versammelte sie, ganz resolute Herbergsmutter und rastlose Animateurin, die Mannschaft zum «Gesellschaftsspiel», in dem Jan-Peter Kampwirth, Lars Rudolph, Maximilian Scheidt und Ernst Stötzner zu Schweinen mutierten. Als Teamplayerin in einem überaus spielfreudigen Ensemble vergewaltigte sie eine Sexpuppe, simulierte eine kollabierende Lunge und half mit im Schweineschlachthof, in den sich die Bühnenhölle ...
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Theater heute Juni 2023
Rubrik: Magazin, Seite 67
von Eva Behrendt
BERLIN, GEORG KOLBE MUSEUM bis 20.8., Tilla Durieux. Eine Jahrhundertzeugin und ihre Rollen
Anhand zahlreicher Kunstwerke von bedeutenden Künstler:innen und Dokumenten aus dem Nachlass Tilla Durieux’ wird ein Panorama des Lebens der Künstlerin sowie der Kulturund Theatergeschichte des 20. Jahr -hunderts erlebbar.
BERLIN, HOCHSCHULE FÜR SCHAUSPIELKUNST ERNST BUSCH...
Fun dem toyt zolstu ir nit zogn, vayl zi vet nebikh veynen un klogn», heißt es in einem der Volkslieder, die Svetlana Kundish und Mariana Sadovska bei der Eröffnung der fünften und letzten Ausgabe des Festivals Radar Ost gemeinsam auf Ukrainisch und Jiddisch singen – andächtig im Ton und von sehr weit herkommend, in seiner Fremdheit tief berührend. Das alte Lied...
Per aspera ad astra. Durch Niederungen zu neuen Höhen. Zwei Jahre nach der wirklich sauren Corona-Ausgabe ist die große Biennale des Kinder- und Jugendtheaters «Augenblick mal!» zurück. Und stärker denn je. Die Bildschirme des Social-Distancing-Festivals 2021 sind vergessen, man streift wieder durch die ganze Stadt Berlin und lässt sich etwa am Grips Theater zu den...
