Das Rüstzeug einer Blechseele

Leonie Ziem «Kind aus Seide»

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Es ist ein ungewöhnliches Erbe, das das protegierte «Kind aus Seide» in Leonie Ziems gleichnamigem Stück antritt: Der jungen Frau werden eine Eisdiele und ein Sexroboter vermacht.

Mithilfe jenes unverblümt sinnlichen automatischen «Milchmädchens» hält die frisch gebackene Eisverkäuferin fortan Laden und Liebesleben am Laufen, doch das Glück ihrer Trans-Species-Paarbeziehung schmilzt schneller dahin als das von beiden werbewirksam angepriesene Serranoschinken -Eis: Die eingebaute Nein-Funktion der Roboterfrau («Du hast auch für meinen freien Willen bezahlt») ermöglicht es dieser, emanzipierte Entscheidungen zu treffen und sich im Handumdrehen von ihrer Besitzerin loszusagen. Was nicht nur Anlass zur Trauerarbeit vonseiten des Verkaufsunternehmens «Electric Souls» gibt, sondern auch zum Philosophieren darüber, was der Mensch sei und was die Blechschachtel und ob Hannah Arendts Begriff des Hauses (oikos) auch ein treffendes Bild für die Liebe sein könnte. An ihrem Verlangen verzweifelnd, sinniert die verlassene Eisverkäuferin: Wie kann man sich dem Gegenüber im Warenzeitalter überhaupt noch nähern – durch Betrachtung, durch Erwerb, durch Einverleiben desselben?

Ausgehend von dieser ...

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Theater heute Jahrbuch 2024
Rubrik: Neue Stücke, Seite 163
von Lea Aupperle

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