Das Leiden der anderen
Vor ein paar Wochen hatten wir die Leseprobe eines Stücks, dessen Probenstart für November angesetzt war. Der künftige Regisseur saß dabei mit seiner künftigen Besetzung, dem Übersetzer, der Dramaturgie und der Intendantin. So werden oft künstlerische Entscheidungen bei uns in Tel Aviv getroffen. In diesem Fall schienen sich alle anwesenden Kollegen in das Stück verliebt zu haben. Ein anderes Stück desselben amerikanischen Autors war schon auf einer anderen Bühne in Tel Aviv ein großer Hit gewesen.
Und auch dieses hatte Potenzial: Die drei besten Freundinnen eines schüchternen jungen Angestellten einer New Yorker PR-Agentur heiraten nacheinander, während er Schwierigkeiten hat, mit seinem Traummann auch nur zu flirten. Als seine engste Seelenfreundin, die letzte der drei, ihre Hochzeit ankündigt, hält er es nicht mehr aus, romantisch ewig zurückzustehen, und teilt ihr mit, dass er nicht zur Party kommt. Das beleidigt sie zutiefst, und der Konflikt zwischen Seelenfreundschaft und Ehepflicht – der Bräutigam ist übrigens ein ärgerlicher Dummkopf im Vergleich zum klugen und redlichen Protagonisten – ist wirklich toll und bewegend geschrieben.
Insgesamt eine bitter-süße Alltagskomödie ...
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Theater heute Jahrbuch 2024
Rubrik: Streitstoffe, Seite 62
von Avishai Milstein
Wien – heute – Zweitausenddreiundzwanzig. Arad Dabiris im Rahmen der Wiener Wortstätten entstandenes Stück kreist um einen konkreten Fall, der grundlegende Fragen aufwirft: Im Mittelpunkt steht ein junger Österreicher iranischer Abstammung, der – und das gehört zu den smarten Setzungen der Konzeption – auf der Bühne nicht selbst das Wort ergreifen kann. Denn er...
Sie ist schon da, als sich die Türen des Zuschauerraums öffnen. Sie streift, während das Publikum jetzt langsam hereinkommt, an der Rückwand des leeren Bühnenhauses entlang, sie streift hin und her, kaum zu erkennen im Halbdunkel, scheinbar ruhelos – und doch hochkonzentriert. An den hohen Wänden verlaufene schwarz-graue Tusche, irgendwo auf der Bühne ein Haufen...
Theater heute
Die Theaterzeitschrift im 65. Jahrgang Gegründet von Erhard Friedrich und Henning Rischbieter
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