Das Leben geht bis zum Tod
Es war 1998 in einer lauen Mainacht. Die Kastanienallee, damals noch hippe Ausgehmeile am Prenzlauer Berg, hatte sich zwischen drei und vier Uhr morgens geleert und lag still in der Morgendämmerung. Nur in der Volksbühnennebenspielstätte Prater kämpfte Christoph Schlingensief gegen den Schlaf seiner Gäste im «Hotel Prora», einer Wahlkampfstation seiner sehr realen Kunstpartei «Chance 2000».
Das vom Gehandicapten-Ensemble als künstlerische ABM-Maßnahme bewirtschaftete Indoor-Igluzeltlager hatte sich in den Nachtstunden in ein Survivalcamp verwandelt: Schlingensief war vom charmant moderierenden Hoteldirektor zum militanten Entertainer mutiert, der mit Brüllarien durchs Megafon und bis zum Anschlag aufgedrehter Musikanlage seinem Publikum systematisch den Glauben an das Gute im Künstler austrieb.
Der erweiterte Theaterbegriff
Solche zwischen Spaß und Terror changierenden Auftritte waren in den letzten Jahren selten geworden. Jetzt, wo sich Schlingensiefs Schweigen so verdammt laut anhört, ist diese Nacht im Prater wieder präsent: Weil das Einreißen der Grenze zwischen Kunst und Leben im Schlafentzug brutal spürbar wurde, weil der Maniac Schlingensief sich selbst keine Sekunde lang ...
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