Das Leben geht bis zum Tod

Das Theater hat Christoph Schlingensief viel zu verdanken

Es war 1998 in einer lauen Mainacht. Die Kastanienallee, damals noch hippe Ausgehmeile am Prenzlauer Berg, hatte sich zwischen drei und vier Uhr morgens geleert und lag still in der Morgendämmerung. Nur in der Volksbühnennebenspielstätte Prater kämpfte Christoph Schlingensief gegen den Schlaf seiner Gäste im «Hotel Prora», einer Wahlkampf­station seiner sehr realen Kunstpartei «Chance 2000».

Das vom Gehandicapten-Ensemble als künstlerische ABM-Maßnahme bewirtschaftete Indoor-Igluzeltlager hatte sich in den Nachtstunden in ein Survivalcamp verwandelt: Schlingensief war vom charmant moderierenden Hoteldirektor zum militanten Entertainer mutiert, der mit Brüllarien durchs Megafon und bis zum Anschlag aufgedrehter Musikanlage seinem Publikum systematisch den Glauben an das Gute im Künstler austrieb.
 

Der erweiterte Theaterbegriff

Solche zwischen Spaß und Terror changierenden Auftritte waren in den letzten Jahren selten geworden. Jetzt, wo sich Schlingensiefs Schweigen so verdammt laut anhört, ist diese Nacht im Prater wieder präsent: Weil das Einreißen der Grenze zwischen Kunst und Leben im Schlafentzug brutal spürbar wurde, weil der Maniac Schlingensief sich selbst keine Sekunde lang ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Oktober 2010
Rubrik: Schlingensief 1960–2010, Seite 6
von Eva Behrendt

Vergriffen
Weitere Beiträge
Die Unfähigkeit zu lügen

Es ist, als ob das Leben selbst gestorben wäre.» Das sagt man so, wenn man sehr traurig ist. Aber auf Christoph Schlingensief bezogen ist dieser Satz, den Elfriede Jelinek unmittelbar nach seinem Tod äußerte, mehr als vage Trauerprosa, die man hinschreibt, um seine Betroffenheit zu zeigen. Vielleicht verkörperte er tatsächlich das Leben. Umfassender als die meisten...

In Watte gepackt

Umgekippte Autos steigen direkt aus der französischen Geschichte zu uns herauf. Das Foto eines auf dem Kopf liegenden Renault Dauphin gehört zu den Symbolen des Mai 68. Menschen konnten damals, so will es zumindest ein heute verbreiteter Mythos, ein letztes Mal ihre Geschichte in die Hand nehmen. Sie taten das, indem sie den Dauphin, das Auto des kleinen Mannes,...

Aufführungen

An den Münchner Kammerspielen beginnt in Oktober nicht nur die neue Saison, sondern, mit Glück, eine neue Ära. Johan Simons eröffnet seine Intendanz mit einer neuerlichen Roman-Dramatisierung des «Hiob»-Autors Joseph Roth und begibt sich ins «Hotel Savoy» nach Lodz und ins Jahr 1919, auf dem Fuße gefolgt von Alvis Hermanis, den es mit Jack Londons Roman «Ruf der...